“Herr Keuner sagt nein”

mit dem Schwerpunkt auf Friedrichshain und Berlin Ost zum Widerstand von Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus

DSC_0954

Heute,

in einer Zeit, in der sich viele ihrer Freiheitsrechte gar nicht mehr richtig bewusst sind, ein selbst ernannter „nationalsozialistischer Untergrund“ Staatsbeamte und Minderheitensprecher*Innen bedroht, in der Rassismus und Antisemitismus wieder sagbar und Zuwanderer weiterhin sozial ausgegrenzt werden, sind es die Beispiele des Widerstands gegen die NS-Diktatur, die uns zur aktiven Auseinandersetzung mit der Gegenwart aufzurufen.

Unsere Dauerausstellung zeigt Facetten des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus mit einem Schwerpunkt auf Friedrichshain und den Berliner Osten. Das Spektrum reicht vom Widerstand aus der Arbeiterbewegung und der Bekennenden Kirche bis zur jüdischen Gruppe um Herbert Baum und der „Roten Kapelle“, sowie von Pazifisten, Zeugen Jehovas und ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Rütli-Schule. Die Wahl der Mittel des Widerstandes reichte vom Verteilen von Flugblättern bis hin zu Brandanschlägen und Spionage für die Sowjetunion. Die Konsequenzen für die wenigen Mutigen, deren Handeln die Ausstellung dokumentiert, waren in den meisten Fällen ähnlich: Folter, lange Haftstrafen und Tod.

Berlin – Sorgenkind der Naziführung

Die Galiläakirche war schon in den 70er Jahren ein Freiraum, den vor allem alternativ orientierten Jugendliche genutzt haben, um sich zu treffen, ihre Meinung auszutauschen und Spaß zu haben, ohne Repressionen befürchten zu müssen.

Auch heutzutage ist es wichtig Freiräume zu erhalten, so bieten wir neben den Ausstellungen unsere Räumlichkeiten für Veranstaltungen jeder Art an.

Regelmäßig finden hier Konzerte, Lesungen, Hörspielabende, Theateraufführungen und vieles mehr statt.

Bei Fragen zu den Nutzungsgebühren und freien Terminen.

DSC_0806
resistencia

Flash Mob und Flyer

Üblicherweise mussten sich Widerstandsgruppen damit begnügen, Präsenz zu zeigen, zu beweisen, dass es sie im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung überhaupt noch gab, und im besten Fall durch die Herstellung einer sehr begrenzten Gegenöffentlichkeit zu wirken. Manche dieser Aktionen muten heute naiv an, sind aber im Kontext eines Regimes zu sehen, das keinerlei Abweichung duldete. Eine Spezialität des Berliner Ostens waren sogenannte Blitzdemonstrationen (heute würden wir flash mob sagen): auf einer belebten Straße mischten sich Widerständler unter die Leute, entrollten auf einen Pfiff hin eine rote Fahne und riefen ein paar Mal im Sprechchor Parolen, bevor sie genauso schnell wieder in der Menge verschwanden. Ein letztes Mal wurde auf diese Weise im Herbst 1934 vor der NS-Gauleitung in Neukölln demonstriert.

Außer solchen Aktionen wurden neben illegalen Zeitungen vor allem Graffiti und Klebezettel eingesetzt. Dabei war die Absicherung der Aktion oftmals unglaublich aufwendig. Die Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle klebten ihre Propagandazettel als Liebespaare getarnt. Besonders nach der Verschärfung des Terrors in Kriegszeiten gab es nur noch sehr kleine Widerstandsgruppen von 4-6 Personen, von denen höchstens einer mit anderen Gruppen in Verbindung stand.

Andere Widerstandsaktionen, die oft die Sache von ganz unpolitischen Menschen war und von ihnen gar nicht als Widerstand wahrgenommen wurden, war die Hilfe für Untergetauchte, Juden, geflohene Zwangsarbeiter oder politisch Verfolgte. Der damals 18jährige Hans Rosenthal, der spätere bekannte Entertainer und Regisseur beim deutschen Fernsehen, wurde 1943-1945 in einer Laubenkolonie in Lichtenberg versteckt.

Folgende Texttafeln der Ausstellung “Herr Keuner sagt nein” sind im Museum ausgestellt:

Als Reichspräsident Hindenburg 1933 Adolf Hitler die Regierung übergab, begann für Deutschland und dann ab 1939 auch für weite Teile Europas eine Terrorherrschaft, deren Dimension bis heute beispiellos erscheint und daher nicht leicht zu fassen ist. Die 1919/20 gegründete NSDAP besaß eine Reihe von meist von Hitler selbst formulierten politischen Vorstellungen, die sich gegenseitig ergänzten und potenzierten:

  • Radikaler Nationalismus

Nur Deutschland und die Deutschen zählen international. Kampf gegen das „Versailler Diktat“ und Rückgewinnung der alten Großmachtstellung. Kulturell gegen jeden angeblichen nichtdeutschen Einfluss („Kulturbolschewismus“). Deutsche Sitten, deutsche Trachten, deutsche Bücher, deutsche Musik („Der Walzer erwacht, die Neger entfliehn.“).

  • Absolute Herrschaft von Staat und Partei

Abschaffung jeder demokratischen Mitwirkung, keine konkurrierenden Parteien oder Gruppen. Abschaffung aller rechtlichen Sicherungen („Recht ist, was dem Volk nützt.“). Volle staatliche Gewaltmittel gegen Widerstand, Andersdenkende und Abweichler.

  • Führerprinzip und Militarisierung der Gesellschaft

Befehl und Gehorsam nur von oben nach unten nach militärischem Muster. Die Gesellschaft setzt sich zusammen aus Führern und Gefolgschaften in allen Lebensbereichen. Vom obersten Führer Adolf Hitler geht jede Gewalt aus.

  • Entindividualisierung

Die sogenannte Volksgemeinschaft hat immer recht gegenüber dem Einzelnen und seinen Lebensäußerungen und Bedürfnissen („Du bist nichts, dein Volk ist alles.“). In der Konsequenz waren nicht einmal Gesundheit und Lebensrecht des Einzelnen geschützt.

  • Antiaufklärung und extremer gesellschaftlicher Konservativismus

Veränderung in den Besitzverhältnissen oder in der Sozialstruktur sind tabu. Frauen ins Haus. Sozialismus, Kommunismus und alle anderen Vertreter einer sozialen Veränderung sind Instrumente der „jüdischen Weltverschwörung“ gegen Deutschland.

  • Radikaler Rassismus

Die menschliche „Rassen“ haben unterschiedliche Werte, ganz oben stehen die „Arier“ (Skandinavier, Deutsche), ganz unten Juden, Slawen, Schwarzafrikaner. Gegen jede Vermischung der „Rassen“. Kampf besonders gegen Juden als angeblich arierfeindliche „Rasse“. Sinti und Roma galten anfangs als besonders hochwertige Arier und wurden dann von heute auf morgen zur minderwertigen Rasse erklärt und verfolgt!

Daraus ergaben sich die folgenden politischen Ziele für die Nationalsozialisten. Die brisanteren dieser Ziele wurden in der Öffentlichkeit nicht diskutiert oder blieben sogar geheim, obwohl sie (wie der Lebensraum im Osten) in Hitlers „Mein Kampf“ längst angelegt waren:

  • Durchsetzung der absoluten Herrschaft nach innen

Brutale Unterwerfung aller nicht kompromissbereiten Gegner (Sozialisten, Kommunisten, radikale Demokraten, christliche Freikirchler), ihre Ermordung oder dauerhafte Inhaftierung. Verständigung mit kompromissbereiten gesellschaftlichen Gruppen (Deutschnationale, Konservative, Industrielle und Hochfinanz, Adel, Militär, z.T. Kirchenführungen).

  • Säuberung des deutschen Volkskörpers von unerwünschten Elementen („Fremdrassige“,  „Minderwertige“).

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden, ihre Abschiebung aus Deutschland, dann aus Europa, ab 1942 (Wannsee-Konferenz) ihre systematische gewaltsame Ausrottung. Vernichtung nichtarbeitsfähiger Behinderter, Sterilisierung der arbeitsfähigen, um „erbkranke“ Nachkommen zu verhindern.

  • Aufrüstung und neue Großmachtstellung Deutschlands

Brechung des sogenannten „Versailler Diktats“. Aufrüstung und Steigerung der Wehrkraft mit allen Mitteln (z.B. auch durch Geburtenboom). Neue Großmachtstellung für Deutschland. Sammlung aller Deutschen unter Hitlers Herrschaft. Dominanz Deutschlands in Europa.

  • Lebensraum im Osten für das „Volk ohne Raum“

Militärische Zerschlagung der Sowjetunion. „Säuberung“ ihrer Westgebiete bis zum Ural durch Vertreibung oder physische Vernichtung ihrer Einwohner („slawische Untermenschen“).Endziel Kolonisierung dieser Gebiete durch Deutsche.

Wie alle faschistischen Regimes in Europa nahm der Nationalsozialismus in Anspruch, die Revolte der jüngeren Generation gegen das bisherige politische und gesellschaftliche System zu verkörpern.

Die Nazis übernahmen für ihre Jugendorganisationen die Maxime der Wandervogel-Bewegung und der Bündischen Jugend: Jugend führt Jugend. Der erste Reichsführer der HJ, Baldur von Schirach, war 1933 erst 26 Jahre alt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass selbstverständlich auch in der Hitlerjugend (HJ) und in ihrer weiblichen Paralellelorgansation, dem Bund deutscher Mädel (BDM), das Führerprinzip uneingeschränkt galt, und dass ihre Ziele und Aufgaben strikt von oben vorgegeben waren.

HJ und BDM bekamen das Monopol zur Organisation der deutschen Kinder und Jugendlichen. Die Jugendverbände konkurrierender politischer Parteien waren selbstverständlich sofort aufgelöst worden, bis 1938 wurden letzte unpolitische und kirchliche Gruppen verboten. 1939 wurde die Mitgliedschaft in HJ oder BDM obligatorisch. Nur wer krank war oder zur falschen „Rasse“ gehörte, blieb draußen. Gegen Ende des Krieges war die HJ auf diese Weise mit 8,7 Millionen Mitgliedern zur größten Jugendorganisation der Welt angewachsen, der BDM auf 4,5 Millionen. Beide Organisationen erfassten Kinder und Jugendliche vom 10. bis zum 18.Lebensjahr. Jungen sollten dann nahtlos in den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht übergehen.

Die Freizeitgestaltung der Hitlerjungen bestand aus politischer Indoktrination, Sport (besonders Boxen), vormilitärischem Drill und den überaus attraktiven Fahrten und Geländespielen. Ähnlich wie bei KdF ermöglichten die Jugendorganisationen zahlreichen Jugendlichen, ihre Freizeit abseits von Familie und Schule zu verbringen. Allerdings nur mit dem einen Sinn, junge Menschen in bedingungslos einsetzbare Kämpfer für Hitler und die NSDAP zu verwandeln. Sonderorganisationen wie Marine-HJ, Reiter-HJ und Flieger-HJ oder die Sanitätsausbildung beim BDM zeigten, wohin die Reise ging.

Was das im Ernstfall bedeutete, zeigte die Kriegszeit. Zwischen 1943 bis 1945 sind etwa 200.000 Jungen ab 16 Jahren als sogenannte Flakhelfer (Luftwaffenhelfer) herangezogen worden. Opferzahlen sind nicht bekannt, dürften aber sehr hoch gewesen sein.

Im Herbst 1943 wurde schließlich eine ganze SS-Panzerdivision aus der Hitlerjugend aufgestellt. Von den eingesetzten 21.000 schlecht ausgebildeten und bewaffneten Hitlerjungen zwischen 16 und 18 Jahren waren ein Jahr später 9000 gefallen oder schwer verwundet. Ab Oktober 1944 wurden 16jährige in die Einheiten des neugebildeten Volkssturms eingegliedert, doch dienten in den letzten Kriegstagen noch jüngere Hitlerjungen als Meldegänger und Panzerfaustschützen.

Indoktrination und Propaganda waren aber nicht nur Sache der Jugendorganisationen. Die wertvolle unveröffentliche Schulchronik der Friedrichshainer 3.Gemeindeschule (Petersburger Straße 4) führt minutiös die Filmaufführungen, Vorträge und Feierstunden auf, die ab April 1933 oft mehrmals in der Woche auf Kinder und Jugendliche einprasselten. Sofort nach Kriegsbeginn kamen andere Einschränkungen hinzu. Die selbe Schulchronik berichtet, dass schon im Januar 1940 der Unterricht wegen akutem Kohlenmangel auf eine Stunde jeden zweiten Tag reduziert werden musste.

Mit dem Krieg verwischte sich generell die Grenze zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Ab 1939 konnte gegen 16jährige das Erwachsenenstrafrecht angewandt werden, ab 1943 galten schon 12jährige als strafmündig, wenn es NS-Richtern beliebte.

Nach einer Idee Reinhard Heydrichs wurde 1940 angeblich zur Ergänzung bestehender Jugendfürsorgeeinrichtungen ein „polizeiliches Jugendschutzlager“ im niedersächsischen Moringen für Jungen im Alter von etwa 12-22 Jahren eingerichtet. 1942 folgte das Jugend-KZ Uckermark für Mädchen. Sozial oder politisch auffällig gewordene junge Menschen waren hier Zwangsarbeit, Hunger und drakonischen Erziehungsmaßnahmen ausgesetzt.

Der berüchtigte Nazi-Arzt Robert Ritter versuchte in Moringen mit Menschenversuchen an den inhaftierten Jungen seine Thesen von der Erblichkeit der „Asozialität“ zu beweisen. Viele der Eingesperrten wurden auf der Grundlage seiner Gutachten zwangssterilisiert.

Das hieß aber nicht, dass Jugendlichen vor diesem Zeitpunkt das KZ fremd gewesen wäre. Nach Eugen Kogons Bericht vegetierten im KZ Buchenwald 1945 kurz vor der Befreiung 877 Kinder und Jugendliche.

 
  • Radikaler Nationalismus

Nur Deutschland und die Deutschen zählen international. Kampf gegen das „Versailler Diktat“ und Rückgewinnung der alten Großmachtstellung. Kulturell gegen jeden angeblichen nichtdeutschen Einfluss („Kulturbolschewismus“). Deutsche Sitten, deutsche Trachten, deutsche Bücher, deutsche Musik („Der Walzer erwacht, die Neger entfliehn.“).

  • Absolute Herrschaft von Staat und Partei

Abschaffung jeder demokratischen Mitwirkung, keine konkurrierenden Parteien oder Gruppen. Abschaffung aller rechtlichen Sicherungen („Recht ist, was dem Volk nützt.“). Volle staatliche Gewaltmittel gegen Widerstand, Andersdenkende und Abweichler.

  • Führerprinzip und Militarisierung der Gesellschaft

Befehl und Gehorsam nur von oben nach unten nach militärischem Muster. Die Gesellschaft setzt sich zusammen aus Führern und Gefolgschaften in allen Lebensbereichen. Vom obersten Führer Adolf Hitler geht jede Gewalt aus.

  • Entindividualisierung

Die sogenannte Volksgemeinschaft hat immer recht gegenüber dem Einzelnen und seinen Lebensäußerungen und Bedürfnissen („Du bist nichts, dein Volk ist alles.“). In der Konsequenz waren nicht einmal Gesundheit und Lebensrecht des Einzelnen geschützt.

  • Antiaufklärung und extremer gesellschaftlicher Konservativismus

Veränderung in den Besitzverhältnissen oder in der Sozialstruktur sind tabu. Frauen ins Haus. Sozialismus, Kommunismus und alle anderen Vertreter einer sozialen Veränderung sind Instrumente der „jüdischen Weltverschwörung“ gegen Deutschland.

  • Radikaler Rassismus

Die menschliche „Rassen“ haben unterschiedliche Werte, ganz oben stehen die „Arier“ (Skandinavier, Deutsche), ganz unten Juden, Slawen, Schwarzafrikaner. Gegen jede Vermischung der „Rassen“. Kampf besonders gegen Juden als angeblich arierfeindliche „Rasse“. Sinti und Roma galten anfangs als besonders hochwertige Arier und wurden dann von heute auf morgen zur minderwertigen Rasse erklärt und verfolgt!

Daraus ergaben sich die folgenden politischen Ziele für die Nationalsozialisten. Die brisanteren dieser Ziele wurden in der Öffentlichkeit nicht diskutiert oder blieben sogar geheim, obwohl sie (wie der Lebensraum im Osten) in Hitlers „Mein Kampf“ längst angelegt waren:

  • Durchsetzung der absoluten Herrschaft nach innen

Brutale Unterwerfung aller nicht kompromissbereiten Gegner (Sozialisten, Kommunisten, radikale Demokraten, christliche Freikirchler), ihre Ermordung oder dauerhafte Inhaftierung. Verständigung mit kompromissbereiten gesellschaftlichen Gruppen (Deutschnationale, Konservative, Industrielle und Hochfinanz, Adel, Militär, z.T. Kirchenführungen).

  • Säuberung des deutschen Volkskörpers von unerwünschten Elementen („Fremdrassige“,  „Minderwertige“).

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden, ihre Abschiebung aus Deutschland, dann aus Europa, ab 1942 (Wannsee-Konferenz) ihre systematische gewaltsame Ausrottung. Vernichtung nichtarbeitsfähiger Behinderter, Sterilisierung der arbeitsfähigen, um „erbkranke“ Nachkommen zu verhindern.

  • Aufrüstung und neue Großmachtstellung Deutschlands

Brechung des sogenannten „Versailler Diktats“. Aufrüstung und Steigerung der Wehrkraft mit allen Mitteln (z.B. auch durch Geburtenboom). Neue Großmachtstellung für Deutschland. Sammlung aller Deutschen unter Hitlers Herrschaft. Dominanz Deutschlands in Europa.

  • Lebensraum im Osten für das „Volk ohne Raum“

Militärische Zerschlagung der Sowjetunion. „Säuberung“ ihrer Westgebiete bis zum Ural durch Vertreibung oder physische Vernichtung ihrer Einwohner („slawische Untermenschen“).Endziel Kolonisierung dieser Gebiete durch Deutsche.

Der deutsche Nationalsozialismus begann und endete mit brutalem Terror. Terror begleitete ihn während seiner gesamten Existenz.

Dazu ein paar dürre Zahlen:

1939, noch vor Kriegsbeginn, waren 800.000 politische Gegner der Nazis in Gefängnissen und KZs eingesperrt, ein Prozent der Bevölkerung. Drei Millionen Deutsche haben insgesamt 1933-1945 als politische Gefangene das KZ-System durchlaufen.

Nur aufgrund von Gerichtsurteilen, also formal legal, wurden im selben Zeitraum mindestens 32.000 Menschen hingerichtet. Rechnet man das um auf die relativ kurze Zeitdauer der Existenz der Nazi-Herrschaft, kommt man auf über 8 Hinrichtungen pro Tag.

Die Zahlen sagen selbstverständlich nichts aus über den fast alltäglichen Mord an politisch Missliebigen, an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen oder den industriell betriebenen Judenmord.

Schon die Machtübernahme der Hitler-Regierung war begleitet vom Terror gegen Andersdenkende.

Führende politische Gegner wurden von Stoßtrupps der SA überfallen, oft tagelang geprügelt und gefoltert und schließlich – falls sie überlebten – in „Schutzhaft“ genommen, wie das die Nazi-Behörden zynisch nannten.

1933/34 war die Zeit der berüchtigten „wilden“, dh. improvisierten KZ´s“, von denen es in Berlin allein etwa 150 gegeben hat. Manche existierten nur wenige Tage, andere monatelang.

Hier terrorisierten lokale und regionale Nazi-Führer ihre Gegner, nicht selten auch solche, mit denen sie private Probleme gehabt hatten.

Die Reaktionen im Arbeiterviertel Fredrichshain waren – wie auch sonst in Deutschland – zwiespältig. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit war groß (Friedrichshain 1933: 34,8 Prozent), nicht weniger die vor Denunziation. Die Arbeiterparteien SPD und KPD, die im November 1932 zusammen zwei Drittel der Stimmen erhalten hatten, waren zerstritten wie nie zuvor.

Dennoch schlug der NSDAP vor allem aus der Arbeiterschaft über Jahre die Ablehnung einer starken Minderheit entgegen. Betriebsratswahlen bei Osram und im Kaufhaus Tietz (Frankfurter Alle 5/6) zeigten noch 1934/35 etwa 10 Prozent Nein-Stimmen für die NS-Liste.

Die Nazis setzten neben dem Terror eine massive Propaganda ein, wie sie Deutschland bis dahin noch nicht gekannt hatte, und bald auch positive Anreize wie die im November 1933 gegründete Organisation Kraft durch Freude.

Die Nazi-Propaganda bediente sich dabei der modernsten Kommunikationsmittel ihrer Zeit wie Film, Rundfunk, Massenaufmärsche und Flugzeuge. Ihr Stil, laut, aggressiv, monoton, hämmernd, unterschied sich radikal von der oft staubtrockenen Darstellung der Regierungspolitik der Weimarer Zeit. Dieser Stil kam zugleich den primitiven Aussagen der Nazi-Ideologie entgegen.

Die Propaganda der NSDAP konnte aber auch an die deutschnationale, militaristische und revanchistische Erziehung andocken, die die meisten Deutschen ungebrochen auch während der Republik bekommen hatten. Setzt man schließlich noch bei vielen einen latenten Antisemitismus voraus, dann waren die „neuen“ Themen der NSDAP gar nicht so neu.

Kraft durch Freude, finanziert durch kleine Mitgliedsbeiträge und den massiven Einsatz ehrenamtlicher Helfer, ermöglichte bis 1938 über 38 Millionen Deutschen den Besuch von Theateraufführungen, Konzerten, Kunstausstellungen, Vorträgen, den Besuch der Olympiade und Urlaubsfahrten.

Zur „Wohlfühldiktatur“ (Götz Aly) wurde das Hitler-Reich endgültig mit dem, was die Propaganda als Erfolge verkaufen konnte, die Senkung der Arbeitslosigkeit, die Wiederbewaffnung, die Olympiade 1936 und die lange Zeit scheinbar mühelos errungenen außenpolitischen Erfolge.

Man weiß heute, dass Hitlers Beliebheit ihre Höhepunkte nach diesen außenpolitischen Erfolgen erreichte, nach der Annexion Österreichs im März 1938, nach der Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 (Münchner Abkommen) und nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940.

Erst der Überfall auf die Sowjetunion löste bei vielen Menschen Besorgnis aus, die sich mit den kaum zu kaschierenden Misserfolgen im Osten steigerte. Und nach der Schlacht von Stalingrad konnte keine noch so geschickte Propaganda der sich dauernd verschlechternden Stimmung mehr abhelfen.

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in seinem Ursprungsland musste unter viel schwierigeren Bedingungen arbeiten als in den von deutschen Truppen besetzten Ländern, wo eine Bevölkerungsmehrheit den Widerstandsbewegungen wenigstens mit Sympathie gegenüberstand. Abgesehen von den Edelweißpiraten am Niederrhein und der Swing-Jugend in Hamburg gab es keinen eigentlichen Jugendwiderstand: im Widerstand arbeiteten die Generationen zusammen.

Die deutsche Widerstandsbewegung durchlief in den zwölf Jahren der Hitler-Diktatur drei Phasen. In einer ersten Phase 1933/35 waren die Reste der linken und demokratischen Parteien der Republik aktive Träger des Kampfes. Der Widerstand bewegte sich trotz Terror noch in vertrautem Gebiet. geheime Anlaufstellen und Verstecke waren vielfach noch unentdeckt, auch wenn die Parteiführungen durch Razzien bereits ausgeschaltet waren. In vielen Gebieten war noch eine Restsolidarität von bisherigen Anhängern vorhanden, während andererseits der Spitzelapparat der Nazis noch nicht ganz ausgebaut war.

Ab 1934 konsolidierte sich das Regime durch innen- und außenpolitische Erfolge. Es gelang mehr und mehr, organisierte Widerstandsgruppen zu zerschlagen, die sich jetzt auch in einer zunehmend feindlichen Umgebung bewegen mussten. Ab 1938/39 verschärfte sich die Situation weiter, als mit dem Fall von Österreich und der Tschechoslowakei wertvolle letzte Rückzugsgebiete verschwanden. Der Widerstand in dieser Zeit wurde teilweise von überlebenden Parteimitgliedern in oft erschreckend kleiner Zahl getragen, aber jetzt auch vielfach von bürgerlichen, christlichen und konservativen Männern und Frauen. Nach dem 20.Juli 1944 intensivierte sich der Terror ein letztes Mal.

Berlin blieb immer ein Sorgenkind der Naziführung. Bei den Terrorwahlen vom März 1933 erzielte die NSDAP im Wahlkreis Berlin-Innenstadt mit 31,3 Prozent ihr reichsweit zweitschlechtestes Ergebnis. Noch im August 1934 stimmten in Berlin bei einer Volksabstimmung 494.359 Berliner und Berlinerinnen mit Nein, 75.000 Stimmzettel waren ungültig.

Die Gestapo beklagte intern im März 1936: „Man kann sich tagelang in Berlin aufhalten, ohne den deutschen Gruß zu hören, es sei denn von Beamten.“

Ein Jahr später charakterisierte der Reichsführer SS die Reichshauptstadt als einen von fünf „ständigen Unruheherden“ (neben Hamburg und Städten im Ruhrgebiet).

Der deutsche Widerstand hat ein breites Spektrum von Aktivitäten hervorgebracht, von der illegalen Bildungsarbeit unter den Mitgliedern einer Gruppe bis hin zu gewaltsamen Aktionen wie den Attentaten auf Hitler von Georg Elser 1939 oder den Offizieren des 20.Juli 1944. Angesichts der massiven Präsenz der Partei, ihrer Brutalität und ihrer Nutzung sämtlicher staatlicher Sicherheitsorgane verboten sich gewaltsame oder allzu spektakuläre Aktionen oft von selbst. Wenn etwa der KPD-Führer Walter Ulbricht bei einem illegalen Treffen in der Tschechoslowakei seinen deutschen Genossen noch 1936 einen Streik vorschlug, konnte die Antwort nur lauten „Walter, du spinnst ja.“

Üblicherweise mussten sich Widerstandsgruppen damit begnügen, Präsenz zu zeigen, zu beweisen, dass es sie im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung überhaupt noch gab, und im besten Fall durch die Herstellung einer sehr begrenzten Gegenöffentlichkeit zu wirken. Manche dieser Aktionen muten heute naiv an, sind aber im Kontext eines Regimes zu sehen, das keinerlei Abweichung duldete. Eine Spezialität des Berliner Ostens waren sogenannte Blitzdemonstrationen (heute würden wir flash mob sagen): auf einer belebten Straße mischten sich Widerständler unter die Leute, entrollten auf einen Pfiff hin eine rote Fahne und riefen ein paar Mal im Sprechchor Parolen, bevor sie genauso schnell wieder in der Menge verschwanden. Ein letztes Mal wurde auf diese Weise im Herbst 1934 vor der NS-Gauleitung (!) in Neukölln demonstriert.

Außer solchen Aktionen wurden neben illegalen Zeitungen vor allem Graffiti und Klebezettel eingesetzt. Dabei war die Absicherung der Aktion oftmals unglaublich aufwendig. Die Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle klebten ihre Propagandazettel als Liebespaare getarnt. Besonders nach der Verschärfung des Terrors in Kriegszeiten gab es nur noch sehr kleine Widerstandsgruppen von 4-6 Personen, von denen höchstens einer mit anderen Gruppen in Verbindung stand.

Andere Widerstandsaktionen, die oft die Sache von ganz unpolitischen Menschen war und von ihnen gar nicht als Widerstand wahrgenommen wurden, war die Hilfe für Untergetauchte, Juden, geflohene Zwangsarbeiter oder politisch Verfolgte. Der damals 18jährige Hans Rosenthal, der spätere bekannte Entertainer und Regisseur beim deutschen Fernsehen, wurde 1943-1945 in einer Laubenkolonie in Lichtenberg versteckt.

Eine beschauliche Parallelstraße der Karl-Marx-Allee wurde im Jahr 1957 nach der jungen Berlinerin Hildegard Jadamowitz benannt.

Hildegard Jadamowitz selbst führte alles andere als ein beschauliches Leben. 1916 in einer jüdischen Familie geboren, besuchte sie die Rütli-Schule in Neukölln und trat 1931 dem Kommunistischen Jugendverband bei. Sie arbeitete als Fabrikarbeiterin und ließ sich daneben in Abendkursen zur Röntgenassistentin ausbilden, einem der modernsten Frauenberufe ihrer Zeit überhaupt. Schon 1936 wurde sie wegen einer Flugblattaktion kurzzeitig inhaftiert. Wieder frei versorgte sie als Arzthelferin an ihrer Praxis in Tegel, Verfolgte mit Geld, Lebensmitteln und Medikamenten und beteiligte sich an Sabotageakten. Am 18. August 1942 wurde sie mit 26 Jahren als Widerstandskämpferin hingerichtet.

Jadamowitz gehörte im Widerstand zu der Gruppe um den Elektriker Herbert Baum (1912-1942), die sich aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Linkszionisten und Angehörigen aufgelöster jüdischer Wandergruppen zusammensetzte. Fast alle dieser fast 100 junge Menschen umfassenden Gruppe waren jüdischer Herkunft, auch wenn das Judentum für jeden von ihnen eine andere Rolle spielte.

Anders als in Osteuropa, wo der bewaffnete jüdische Widerstand gegen die Nazi-Invasoren gut bekannt und gut dokumentiert ist, ist der jüdische Widerstand in Deutschland lange Zeit überhaupt nicht wahrgenommen worden. Erst die Ausstellung „Juden im Widerstand“ 2000 hat ihn weiter bekannt gemacht. Jüdischer Widerstand in Deutschland hatte im Osten wie im Westen gegen grundsätzlich andere Konzepte zu kämpfen. In der DDR überlagerte nicht nur im Falle der Baum-Gruppe eine linke oder sogar kommunistische Orientierung all anderen Motivationen. Für den Westen stand noch immer das Bild des armen „hilflosen Juden“ im Vordergrund, der sich willenlos und ohne Gegenwehr nach Auschwitz führen ließ. Ein Konzept, das der NS-Ideologie entstammte, verband sich hier mit dem zionistischen Grundgedanken, dass es keine Hoffnung für Juden abseits von der Auswanderung nach Palästina/ Israel gibt.

Gruppen wie die religiös-zionistische Chug Chaluzi (Pionierkreis) um Jizchak Schwersenz und Gad Beck, die 1943/44 untergetauchten jungen Juden bei Überleben und Flucht halfen, passten hier ebenso wenig wie die Gruppe um Baum.

Die Gruppe um Baum betrieb intern politische Schulungsarbeit und trat nach außen durch Flugblätter in Erscheinung. Baum, seit 1940 selbst Zwangsarbeiter bei Siemens & Schuckert, und andere Gruppenmitglieder unterstützten ab 1941 jüdische Zwangsarbeiter und halfen Juden beim Untertauchen, um sie vor der Deportation zu bewahren.

Am bekanntesten wurde die Gruppe durch ihre spektakulärste Aktion, die Brandstiftung auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ am 18. Mai 1942. Diese antikommunistische und stark rassistisch gefärbte Ausstellung im Berliner Lustgarten direkt vor dem Dom zeigte ua. ein angeblich aus der Sowjetunion stammendes primitives Höhlendorf, das tatsächlich von Häftlingen des KZ Sachsenhausen angefertigt worden war.

Es gab einigen Sachschaden und elf Leichtverletzte, nicht genug, dass die Ausstellung hätte geschlossen werden müssen. Die Wirkung bis in die Kreise der NS-Führung hinein war aber ungleich stärker, wie wir aus Goebbels’ Tagebüchern wissen.

Nur Tage darauf wurden die meisten Mitglieder der Gruppen durch Denunziation gefasst. In einer Wohnung an der Ecke Andreasstraße/ Lange Straße versteckten sich drei Gruppenmitglieder noch ein paar Tage länger. Baum starb im Gefängnis, wahrscheinlich an den Folgen der Folter, über 30 andere Mitglieder wurden in Plötzensee enthauptet. Etwa 50 weitere Widerstandskämpfer wurden zu Haftstrafen verurteilt, aber, sofern sie Juden waren, nach kurzer Zeit nach Auschwitz deportiert. Nur wenigen gelang die Flucht.

Auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee wird auf einer Gedenktafel an 27 hingerichtete Mitglieder der Gruppe erinnert. Der Gedenkstein im Lustgarten trägt seit 2000 eine veränderte Inschrift, die die Worte „Verbundenheit mit der Sowjetunion“ unlesbar macht.

Wenige deutsche Widerstandsgruppen sind so gründlich und so hartnäckig missverstanden worden die sogenannte Rote Kapelle. Der Name war eine Fahndungsbezeichnung der Gestapo: Kapelle stammt aus dem Geheimdienstjargon und bezeichnet einen Agentenstützpunkt mit mehreren Sendern, Rot sollte natürlich auf eine kommunistische Orientierung hindeuten.

Doch war die Rote Kapelle weder eine ausschließlich kommunistische Organisation noch eine Spionagegruppe. Sie war ein weitverbreitetes Netzwerk von konspirativen Kleingruppen von 5-6 Personen mit Schwerpunkt in Berlin mit Kontakten bis ins besetzte Brüssel, zur kommunistischen Widerstandsgruppe Bästlein in Hamburg und zum Kreisauer Kreis. Über 150 Nazigegner arbeiteten hier lose und weitgehend unabhängig voneinander zusammen, davon über 60 Frauen. Es gab darunter Kommunisten, Sozialisten, Demokraten, Christen und Unpolitische, die ein Gedanke zusammenhielt: Hitler muss weg. Einigermaßen verbindliche Hauptziele waren die schnelle Beendigung des Krieges und eine Verständigung mit der Sowjetunion, um Deutschland als unabhängigen Staat zu erhalten.

Ein Funkgerät wurde nur in Brüssel von der Gruppe um Leopold Trepper benutzt, der tatsächlich ein Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes war. Ein zweiter Sender, den Mitarbeiter der Sowjetbotschaft der Berliner Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen überlassen hatten, war schadhaft und hat nie funktioniert.

Die ersten Zellen des Netzwerks waren 1939 um den Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen (1909-1942) und den Juristen Arvid Harnack (1901-1943) entstanden. 1940/41 kontaktierten beide die sowjetische Botschaft in Berlin, um die Russen vor dem bevorstehenden Angriff Nazideutschlands zu warnen, von dem Schulze-Boysen dienstlich erfahren hatte.

1940/42 verfassten Mitglieder der Organisation mehrere illegale Schriften, verteilten Flugblätter, vervielfältigten und verbreiteten regimekritische Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Schulze-Boysens Ehefrau Libertas (1913-1942) dokumentierte nationalsozialistische Gewaltverbrechen an der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete, insbesondere in der Sowjetunion. Besonders bekannt wurden die rund 1000 Klebezettel, die Angehörige der Roten Kapelle aus Protest gegen die im Mai 1942 in Berlin eröffnete nationalsozialistische Hetzausstellung „Das Sowjetparadies“ in U-Bahnabgängen und ähnlichen dunklen Winkeln anbrachten. Das Datum der Aktion, der 17. Mai, also einen Tag vor dem Brandanschlag der Baum-Gruppe auf die Ausstellung, brachte die Naziführung auf den Gedanken einer umfassenden Verschwörung.

Ein Übermittlungsfehler des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes brachte die deutschen Behörden 1942 auf die Spur von Leopold Trepper in Brüssel. Von hier aus rollten sie die meisten der im Reich agierenden kleinen Widerstandsgruppen auf. Zwischen August 1942 und März 1943 verhaftete die Gestapo über 150 Angehörige des Netzwerks. 57 wurden in der Folgezeit hingerichtet, davon 19 Frauen.

Mitglieder der zeitweise in der Friedrichshainer Koppenstraße ansässige Familie Küchenmeister gehörten zu einer der mit der Roten Kapelle vernetzten Widerstandszellen.

Der Vater, der aus dem Ruhrgebiet stammende Schriftsteller und Redakteur Walter Küchemeister (1897-1943), war als Kommunist nach dem Reichstagsbrand 1933 mehrfach verhaftet worden, kam ins KZ Sonnenburg und erhielt nach seiner Entlassung 1935 Berufsverbot. Schon 1933/34 hatte er eine kleine Widerstandszeitung herausgegeben. 1940 fand er zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Ärztin Dr.Elfriede Paul, den Anschluss an die Rote Kapelle. Beide wurden im September 1942 verhaftet, Küchenmeister 1943 hingerichtet. Seine Ehefrau Anni kam 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben.

Der älteste Sohn der beiden, Rainer (1926-2010), wurde als 16jähriger ins Jugend-KZ Moringen eingeliefert, überlebte aber die Haft und wurde nach 1945 ein international bekannter Maler.

Der zweite Sohn, Anselm (1928-1954), baute noch im Frühling 1944 eine kleine Widerstandsgruppe mit Basis in der Koppenstraße 65 auf. Die Freunde versteckten den jugendlichen Deserteur Anton Höckendorf und schrieben an dunklen Ecken noch bis in die letzten Kriegsmonate Widerstandsparolen.

Die Sozialdemokraten befanden sich bei der Machtübernahme Hitlers auf einem Tiefpunkt ihrer Parteigeschichte und ihrer öffentlichen Wirksamkeit.

Die schwere Wirtschaftskrise seit 1929 hatte zu einem dramatischen Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften geführt, die immer die Basis der Partei gewesen waren. Die Duldung der SPD im Reichstag gegenüber der Politik der Brüning-Regierung 1930-1932 und die kampflose Kapitulation der preußischen SPD-Regierung vor dem Staatsstreich der Regierung Papen 1932 hatten viele Mitglieder verunsichert und enttäuscht. Die Konfrontation mit der KPD focht die preußische SPD-Regierung dagegen mit aller Härte aus.

Die Folge waren Austritte, aber auch eine generelle Entmutigung der Parteibasis. Imponierende Zahlen wie die der 80.000 Berliner Parteimitglieder oder die noch immer beachtlichen Wahlergebnisse (im November 1932 noch 23,9 Prozent in Friedrichshain) sagten unter diesen Umständen nicht viel. Anders als NSDAP oder KPD war das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die sozialdemokratische Schutztruppe der Republik, auf einen Bürgerkrieg oder auf die Untergrundarbeit nicht vorbereitet.

Die SPD war nach den Massenverhaftungen im März 1933 und der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 wie atomisiert, wie dies ein Historiker genannt hat. Übertritte prominenter Mandatsträger zur NSDAP hatten eine lähmende Wirkung auf noch aktive Sozialdemokraten.

Dennoch bildete sich gleich 1933 um den jungen Funktionär Ludwig Hodapp (geboren 1907) in Friedrichshain eine Widerstandsguppe, die mit der Auslandsleitung der Partei in Prag Kontakt aufnahm und die illegale Ausgabe der Parteizeitung Vorwärts vertrieb.

Daneben gelang es, die Jugendorganisation Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) in konspirativen Kleingruppen neu aufzubauen, die sich aber vorerst auf das Studium von Marx- und Engelstexten beschränkte. Die vom Sozialistischen Studentenbund herausgegebene Untergrund-Zeitung „Roter Stoßtrupp“ erschien in bis zu 3000 Exemplaren, eine für eine illegale Veröffentlichung extrem hohe Zahl.

Auch das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wurde neu konstituiert, allerdings auf sehr viel niedrigerem Niveau. In ganz Berlin kamen jetzt etwa 1000 Reichsbannerleute zusammen, die bereit zur Fortsetzung der Widerstandsarbeit waren (1931 waren es allein in Friedrichshain über 7000).

Seit November 1933 griffen aber die Sicherheitsorgane des Nazi-Staates erbarmungslos durch, nachdem ein Kurier aus der Tschechoslowakei aufgeflogen war. In einer ganzen Reihe von Hochverratsprozessen vor dem Berliner Kammergericht gelang es der NS-Justiz die illegal arbeitenden SPD-Gruppen in der Hauptstadt weitgehend zu zerschlagen. Die Teilnehmer wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt und kamen anschließend oft ins KZ oder wurden zur Wehrmacht eingezogen.

Mittlerweile hatte eines der interessantesten Experiment des deutschen Widerstands begonnen. 1936 gründeten die ehemaligen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Otto Brass (1875-1950) und Hermann Brill (1895-1959) in Berlin die Deutsche Volksfront, die SPD, KPD und andere linke Gruppierungen wie Neu Beginnen im Widerstand gegen Hitler zusammenführen sollte. Die Gruppe wird nach ihrem Minimalprogramm für den gemeinsamen Kampf manchmal auch 10-Punkte-Gruppe genannt. Der Zeitpunkt war günstig, denn die KPD war seit 1935 auf Weisung der Kommunistischen Internationale zur sogenannten Volksfront-Taktik übergeschwenkt, die jetzt international den Aufbau von breiten politischen Widerstandsfronten mit allen antifaschistischen Kräften vorsah. Anders die SPD-Auslandsleitung in Prag, die Einigungsversuchen mit der KPD immer noch sehr ablehnend gegenüberstand.

Ende 1938 wurde auch die Gruppe um Brass und Brill zerschlagen, ihre Mitglieder kamen meist direkt in Konzentrationslager.

Die Aburteilung der Volksfrontaktivisten fiel zusammen mit dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Die SPD-Auslandsleitung musste aus Prag fliehen, und die vergleichsweise einfache Kontaktaufnahme (zum Teil durch deutsche Wandergruppen) war nicht mehr möglich. Damit und mit der kriegsbedingten Einberufung jüngerer Ex-Sozialdemokraten 1939/40 erlosch der SPD-Widerstand in Berlin.

Die hier vorgestellten kleinen Widerstandsgruppen hatten gemeinsam, dass sie den beiden großen linken Parteien SPD und KPD ablehnend gegenüberstanden. Ihr Widerstand nahm deshalb teilweise besondere Formen an.

Die sogenannten Linken Kämpfer und die in der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) organisierten Anarchisten-Syndikalisten waren lange vor 1933 existierende, relativ kleine basisorientierte Gruppen, die ihre Ableger im Berliner Osten hatten.

Anarcho-Syndikalisten

Anarchisten traten für eine vollständig freiheitliche Gesellschaft ohne oben und unten ein, die in kleinen kooperativen Wirtschaftseinheiten auf freiwilliger Basis organisiert sein sollte. Der Weg dahin sollte über intensive Propaganda und den „sozialen Massenstreik“ führen, der den kapitalistischen Staat beendete. Sie organisierten sich nur auf der untersten Ebene gewerkschaftsähnlich, nicht in Parteien, deshalb der Namen Syndikalisten. Höhere Ebenen hatten kein Recht nach unten einzugreifen, sie durften nur Vorschläge machen, die dann ausdiskutiert wurden.

Damit standen die Anarchisten-Syndikalisten im strikten Gegensatz zu SPD und KPD, die beide großen Wert auf straffe Organisation und Disziplin legten. Den Sozialdemokraten warfen die Anarchisten zusätzlich Verbürgerlichung und Anpassung an den Klassenstaat vor. Die 1897 gegründete FAUD hatte eine Niederlassung in der Bänschstraße (damals Mirbachstraße) bei dem Klavierbauer Richard Schwalba (1896-1984).

Schwalba übernahm zusammen mit dem Tapezierer Paul Lange (1878-1961) nach der Verhaftung der FAUD-Führung von Berlin die geheime Leitung der Anarchisten im Berliner Osten. Mehrere konspirative Treffen dienten der Koordination zwischen den Gruppen der Berliner Stadtteile. 1934 gelang es, die anarchistische Zeitung „Die Internationale“ noch einmal in 150 Exemplaren herauszubringen.

Die meisten Berliner Anarchisten wurden 1937 von der Gestapo verhaftet und zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Rote Kämpfer

Die sogenannten Roten Kämpfer, vor 1933 als Sozialwissenschaftliche Studienvereinigung organisiert, waren linke Sozialdemokraten, kommunistische Dissidenten und andere linke Sozialisten, deren gemeinschaftliche Erfahrungen teilweise bis in den 1.Weltkrieg zurückreichten. Der verbürgerlichten und bürokratischen SPD und der autoritären und dogmatischen KPD stellten sie ein rätekommunistisches Modell entgegen, wie es 1918/19 in Deutschland und 1917/21 in der Sowjetunion existiert hatte. Sie verstanden sich als revolutionär, humanistisch, basisorientiert und antikapitalistisch, aber auch antibolschewistisch, also gegen eine Parteidiktatur. Theoretisch waren sie wesentlich beeinflusst von dem aus der KPD ausgeschlossenen „ultralinken“ Brecht-Freund Karl Korsch (1886-1961).

Weit davon entfernt, eine eigene Partei gründen zu wollen, wirkten sie als Studienzirkel, begannen aber schon seit 1931 mit der Vorbereitung auf eine mögliche Illegalität. Ihre Einschätzung, dass die zerrissene Arbeiterbewegung den Faschismus nicht aufhalten könnte, erwies sich hinterher leider als zutreffend. Nach dem Januar 1933 verteilten sich die Roten Kämpfer sofort in konspirative Fünfergrüppchen, die nur sporadisch miteinander Kontakt hielten. Solche Grüppchen gab es in Neukölln, Friedrichshain, Kreuzberg und Lichtenberg, allerdings waren Rote Kämpfer auch in den Industrieregionen Sachsens und am Niederrhein vertreten. Diese Grüppchen kümmerten sich vor allem um die intensive Schulung ihrer Mitglieder, Außenkontakte waren selten. Diese strenge Konspiration und der weitgehende Verzicht auf äußere Propaganda brachten es mit sich, dass die Roten Kämpfer-Gruppen bis 1936 so gut wie unbekannt blieben.

1936/37 zerschlug eine von Rheinland ausgehende Verhaftungswelle aber auch diese Gruppe, ohne dass sie zu größerer Wirksamkeit gekommen wäre.

Der Weg der christlichen Kirchen in den Widerstand war mühevoll und inkonsequent. Viele protestantische Pfarrer und Gemeindemitglieder waren deutschnational und monarchistisch. Die Katholiken ließen sich lange Zeit durch das Reichskonkordat ruhigstellen. Die Hierarchien beider Kirchen exponierten sich selten, erst spät und abseits der Öffentlichkeit.

Die sogenannten Deutschen Christen, eine 1932 gegründete nazifreundliche kirchliche Splittergruppe, wirkten bei den Protestanten (67 Prozent der Friedrichshainer) als Katalysator für die Entscheidung für oder gegen Hitler. Geführt von Ludwig Müller, „Reichsbischof“ von Hitlers Gnaden, verlangten sie ultimativ die Einschwörung der Kirche auf den „Führer“. Dabei ging es um mehr als eine weithin sichtbare Hakenkreuzbeflaggung der Kirchen. Die Deutschen Christen forderten nicht weniger als ein Hitlerbild im Altarraum, den Eliminierung des Alten Testaments als jüdischen Text aus der Bibel und die Ausstoßung der getauften Juden aus der Kirche, kurz die umfassende Arisierung des Christentums.

Die Bekennende Kirche, die sich noch 1933 konstituierte, wollte den theologischen Kern des Protestantismus zu retten. Damit war aber klar, dass es nur mittelbar um weltlichen Widerstand ging, und dass es letztlich vom Temperament des einzelnen Pfarrers und der Zusammensetzung seiner Gemeinde abhing, wie heftig die Auseinandersetzung geführt wurde. Nach 1934/35 flauten die Kämpfe zwischen Deutschen Christen und und Bekennender Kirche ab. Beurlaubungen und Verhaftungen hatten viele radikale Pfarrer aus dem Dienst entfernt, die Deutschen Christen waren aufgrund von inneren Konflikten immer weniger handlungsfähig. Seit 1935 verlor auch die NS-Führung zunehmend die Lust am Kirchenkampf und setzte mehr auf eine Konsolidierung, allerdings unter Ausschaltung ihrer unangenehmsten kirchlichen Gegner (Verhaftung Niemöllers 1937) – ein Ziel, das die viele Kirchenleitungen im Interesse der Seelsorge durchaus teilten.

Anders als im Berliner Westen hatten in Friedrichshain fast überall die Deutschen Christen die Mehrheit in den Pfarrgemeinderäten. In den Arbeitervierteln des Berliner Osten lag das Interesse an aktiver Gemeindearbeit bei unter zehn Prozent der eingetragenen Kirchenmitglieder. Damit war es aber kleinen entschlossen vorgehenden nazitreuen Gruppen umso leichter, mit Unterstützung von oben die Gemeindepolitik in die Hand zu bekommen.

Entsprechend schwierig gestaltete sich die Arbeit der bekanntesten Friedrichshainer Pfarrer der Bekennenden Kirche, Dr. Wilhelm Harnisch (1887-1960) an der Samariterkirche und Eugen Senger (1900-1945) an der Galiläakirche. Beide arbeiteten in ihren benachbarten Kirchen eng zusammen. Beide waren bekannt für ihre unerschrockenen nazifeindlichen Predigten und ihre Kollekten für die Bekennende Kirche und hatten mit einer Flut von Denunziationen aus ihren Kirchengemeinderäten zu kämpfen. Harnisch war bereits 1933 kurze Zeit im „wilden KZ“ Columbiahaus eingesperrt, bis 1941 wurde er über 60mal bei der Gestapo zu Verhören vorgeladen. Ebenso wie sein Amtsbruder war er seit 1934 zwangsbeurlaubt, führte aber Bibelstunden und Konfirmandenunterricht im Geist der Bekennenden Kirche im sogenannten Arbeitslosenladen gegenüber dem Haupteingang der Samariterkirche (Bänschstraße, damals Mirbachstraße 24) weiter (im Talar !). Eine größere Versammlung ließ Harnisch sogar mit Polizeischutz gegen Übergriffe Deutscher Christen absichern.

Senger in der Galiläakirche ließ für inhaftierte Pfarrer und Kirchenmitarbeiter beten und verweigerte ständig den Beitrag zum nazistischen Winterhilfswerk. Nach seiner Zwangsbeurlaubung predigte er ebenfalls im Arbeitslosenladen der Samariterkirche. Als er 1935 unter Hausarrest gestellt worden war, predigte er von seinem Fenster aus für die Bekennenden Christen, die sich im Hof versammelt hatten. Pfarrer Senger wurde noch 1944 zur Wehrmacht eingezogen und starb 1945 in alliierter Kriegsgefangenschaft.

Besonders schwer tat sich aber auch die Bekennende Kirche mit nichtgetauften Juden. Pfarrer Heinrich Grüber (1891-1975), seit 1934 an der Dorfkirche Kaulsdorf, war hier eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen. Grüber, ursprünglich Deutschnationaler mit Nazisympathien, aber seit 1933 Mitglied der Bekennenden Kirche, gewährte beim Pogrom am 9. November 1938 fliehenden Juden Zuflucht in seiner Kirche und versteckte sie in den umliegenden Laubenkolonien. Hinterher baute er in der Innenstadt ein Hilfswerk für auswandernde Juden mit mehreren kirchlichen Mitarbeitern auf. Dafür war er 1940-1943 im KZ Sachsenhausen eingesperrt.

Etwa 250 Personen wurden während der Nazi-Diktatur als Kriegsdienstverweigerer hingerichtet, eine vergleichsweise bescheidene Zahl verglichen mit den Zehntausenden von hingerichteten Deserteuren. Bei den Kriegsdienstverweigerern handelte es sich durchweg um christliche Pazifisten, denn der politische Pazifismus war gleich 1933 ins Exil getrieben worden.

Kriegsdienstverweigerung unter dem Nationalsozialismus wird meist allein mit den Zeugen Jehovas in Verbindung gebracht. Konsequente Pazifisten aus den großen Kirchen waren dagegen selten. Beide große Kirchen standen Militär und Militärdienst positiv gegenüber, der offizielle Protestantismus begrüßte in preußischer Tradition die „Wehrhaftigkeit“ des Volkes und selbst die Bekennende Kirche wich einer klaren Ablehnung des Kriegsdienstes aus.

Unter diesen Umständen gestaltete sich der Lebensweg von Dr. Hermann Stöhr (1898-1940) als sehr schwierig. Stöhr hatte als Kriegsfreiwilliger am 1.Weltkrieg teilgenommen und war durch seine Erlebnisse zum radikalen Kriegsgegner geworden. Nach 1918 arbeitet als als hauptamtlicher Sekretär der deutschen Sektion des Internationalen Versöhnungsbundes, einer 1914 gegründeten religiös begündeten, aber nicht explizit christlichen Friedensorganisation.

Im Hauptberuf betreute Stöhr seit 1924 in einer sozialen Einrichtung der Inneren Mission in der Fruchtstraße am Ostbahnhof (heute Straße der Pariser Komune) arbeitslose Jugendliche. Allerdings entließ ihn sein Arbeitgeber 1931 eben wegen seines pazifistischen Engagements.

1933 schloss er sich der Bekennenden Kirche an. Im März und im August 1939 verweigerte Stöhr die Einberufung zum Kriegsdienst und bot stattdessen seinen zivilen Arbeitseinsatz an. Am 31. August, einen Tag vor Kriegsbeginn wurde er verhaftet und im November zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Als er im Gefängnis auch noch den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, folgte das Todesurteil. Stöhr wurde im Juni 1940 in Plötzensee enthauptet. Er war der einzige Protestant, der wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet wurde. Seine Kirche hat ihn bis zum Schluss nicht unterstützt, sondern seine Überzeugung pathologisiert.

Die Zeugen Jehovas, damals noch Ernste Bibelforscher genannt, hatten in Berlin ihre Zentren in Wedding und Friedrichshain. Der geheime Treffpunkt der Gruppe lag im Seifenladen der Familie Brzezek in der Lange Straße 108 am Ostbahnhof. Ihre Organisation war gleich 1933 aufgelöst worden, ihre Zeitschrift „Wachtturm“ war seitdem verboten, doch trafen sie sich im geheimen weiter und verteilten aus dem Ausland, meist der Tschechoslowakei, eingeschmuggelte Schriften.

Die Glaubensgrundlagen der Zeugen Jehovas stellt letztlich eine kompromisslose Antithese zum Nationalsozialismus dar: verbindlich ist nur Gottes Wort, jeder Staat ist Menschenwerk, Christen sind dem Staat zu nichts verpflichtet, besonders nicht zu Hitler-Gruß, Eidesleistung oder zum Dienst mit der Waffe, gegen den auch das biblische Tötungsverbot spricht. Als der Druck auf die Zeugen zunahm, nahmen auch ihre Schriften immer kritischer zum Nationalsozialismus Stellung (indem sie z.B. Hitler einen ;Beauftragten des Teufels’ nannten). Außerdem waren die Gruppenangehörigen bekannt dafür, dass sie kaum zu brechen und nicht abzuschrecken waren. Noch 1943 verteilte das Ehepaar Fritsche etwa 1000 Exemplare des „Wachtturm“ in der Gegend.

Entsprechend hart war die Verfolgung in Hitler-Deutschland. Allein 1937 fanden in Berlin sieben Sondergerichtsverfahren mit fast 100 Angeklagten statt, 1944 folgte ein letzter mit 75 Angeklagten.

Bei Kriegsbeginn verschärfte sich ihre Lage als Kriegsdienstgegner ein weiteres Mal, weil jetzt mit der Todesstrafe zu rechnen war. Aus Friedrichshain wurden Mathias Köhli 1940 und Konrad Brzezek 1942 hingerichtet, drei weitere Todesurteile 1944 wurden nicht mehr vollstreckt.

Vielfach wurden überführte Zeugen Jehovas aber ohne Prozess in ein KZ eingeliefert, wo sie eine separate Häftlingsgruppe (violetter Winkel) bildeten und willkürlichen, oft besonders grausamen Quälereien ausgesetzt waren. Nicht wenige Zeugen wurden dabei getötet.

Verglichen mit ihrer geringen Mitgliederzahl hatten die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus mehr Opfer aufzuweisen als andere Gruppen.

Eine der ersten schulpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten war die Einführung „normaler“ Lehrpläne in den sogenannten „weltlichen Schulen“. Damit zerschlugen sie ein seit 1922 bestehendes sehr erfolgreiches pädagogisches Experiment in Preußen, das alte schulreformerische Ziele der Arbeiterbewegung verwirklicht hatte.

Lernziele und Methoden dieser Schulen, zu denen auch die heute wieder stärker bekannt gewordene Rütli-Schule in Neukölln gehörte, unterschieden sich grundlegend von denen der normalen Schulen in Preußen und Deutschland. Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet, die Lehrer sollten ein partnerschaftliches Verhältnis zu Eltern und Schülern aufbauen, projektorientiertes, fächerübergeifendes Lernen hatte besonderes Gewicht. Die Politisierung dieser Schulform, die den Nazis ein besonderer Dorn im Auge war, hatte ihren Grund weniger im fehlenden Religionsunterricht als in der bewussten Einbeziehung von tagespolitischen Themen in den Unterricht. Die Kinder sollten lernen, selbst zu beurteilen und zu fragen, und nicht alles als gegeben und unabänderlich hinzunehmen.

Die Rütli-Schule wurde besonders von Kindern der umliegenden Arbeiterviertel besucht. Im Schulprotokollbuch ist am 19. Mai 1930 über die Zusammensetzung der Elternschaft vermerkt: „Die Eltern unserer Schule gehören zum größten Teil der Arbeiterschaft an, wozu ein kleiner Prozentsatz fortschrittlicher Intellektueller kommt. Sie sind fast durchweg in politischen und gewerkschaftlichen Verbänden organisiert und in ihnen zum größten Teil als Funktionäre tätig. Daraus resultiert eine bewußte politische Haltung, die bei den radikaler eingestellten Eltern durchaus nicht staatsbejahend ist … Selbstverständlich ist, daß unsere Kinder bei der politisch bewußten Haltung der Eltern viel früher und viel intensiver von politischen Gedankengängen bewegt werden als die Kinder anderer Schulen.“

Hanno Günther (1921-1942) besuchte die Rütli-Schule 1928 bis zu ihrer Schließung 1933, dann bis 1935 die ebenfalls reformpädagogische Schulfarm Scharfenberg im Tegeler See. Bei seiner anschließenden Ausbildung zum Bäcker lernte er die Krankenschwester Elisabeth Pungs (1896-1945) kennen, die bis 1933 in der Roten Hilfe, einer der KPD naestehenden sozialen Hilfsorganisation, gearbeitet hatte und seitdem Kontakte zum Widerstand hatte. Nach dem Überfall auf Polen 1939 begannen die beiden Flugblätter gegen Krieg und Diktatur zu entwerfen. In den Jahren 1940/41 sammelten sich um Pungs und Günther eine kleine Widerstandsgruppe, deren Mitglieder fast alle von der Rütli-Schule kamen: Wolfgang Pander (geboren 1917), Dagmar Petersen (1920), Bernhard Sikorski (1921) und Emmerich Schaper (1920)

Unter dem Einfluss des kommunistischen Schriftstellers Herbert Bochow (1906) begann die Gruppe, sich in die marxistische Theorie einzuarbeiten. Allerdings scheint bei aller Sympathie bei den meisten Gruppenmitgliedern ein Vorbehalt gegen die allzu bedingungslose Orientierung der KPD auf die Sowjetunion geblieben zu sein.

Nach dem Angriff auf Frankreich 1940 nahm die Widerstandsgruppe ihre Flugblattaktion wieder auf. „Das freie Wort“, wie die vervielfältigten Flugblätter hießen, war von einer fiktiven „Deutsche Friedensfront“ unterzeichnet und rief insbesondere Rüstungsarbeiter zu Bummelei und Sabotage auf.

Bochow, der wegen seiner Widerstandstätigkeit schon zweimal inhaftiert gewesen war, wurde 1941 erneut festgenommen und verriet nach schwerer Folter die Rütli-Gruppe. Am 28. Juli 1941 schlug die Gestapo zu. Bei den langen brutalen Verhören kam Emmerich Schaper ums Leben. Mit Ausnahme von Dagmar Petersen und der schwer lungenkranken Elisabeth Pungs wurden alle Gruppenmitglieder zum Tod verurteilt und im Dezember 1942 in Plötzensee hingerichtet.