[ONLY IN GERMAN]

Herzlich willkommen in unserer Geschichtswerkstatt.

Hier finden Sie Schriften zum Widerstand in der DDR und biografische Beiträge über historische Persönlichkeiten aus der Arbeitbewegung.

Widerstand/ Opposition in der DDR

Die Galiläakirche und Friedrichshain als lokaler Bezugsrahmen zum DDR-Widerstand

Biografien

Rainer Küchenmeister und die Rote Kapelle

„Widerstand war bereits,

sich dem NS-System nicht unterzuordnen,

wie viele Deutsche es taten.“

Rainer Küchenmeister

Eines der interessantesten Schicksale eines jugendlichen Widerständlers gegen das NS-Regime aus Friedrichshain ist wohl das von Rainer Küchenmeister. Bereits in früher Jugend schließt er sich der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ an. Er wird 1942 verhaftet und kommt nach längerer Haft im Polizeigefängnis am Alexanderplatz in das Jugend-KZ Moringen. Nach dem 2. Weltkrieg wird er Kunstmaler und nach seinem Durchbruch 1964 auf der documenta III in Kassel, wird er 1969 Professor an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Karlsruhe und ordentliches Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Kindheit und frühe Jugend

Rainer Küchenmeister wird am 14. Oktober 1926 als ältester von drei Söhnen in Ahlen/Westfalen geboren. Sein Vater Walter Küchenmeister (1897 – 1943) seit 1920 Mitglied der KPD, war im Ruhrgebiet Zeitungsredakteur und wurde 1926 wegen “unproletarischen Verhaltens“ aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er aus finanzieller Not Geld aus der Parteikasse entwendet hatte. Als die Familie daraufhin nach Berlin ging, fand sie keine Wohnung und musste in ein Obdachlosenquartier. Walter Küchenmeister arbeitet als Schriftsteller und Korrektor, so dass das Geld zusammenkam, um eine Neubauwohnung in Berlin-Johannisthal zu mieten.

Nach dem Reichstagsbrand in Februar 1933 wurde Walter Küchenmeister als Nazi-Gegner verhaftet und war einige Wochen in Gefängnishaft. Die Familie konnte ihre Wohnung nicht mehr halten und zog in ein Zimmer in der Palisadenstraße in Friedrichshain. Schließlich fand die Familie 1934 Unterkunft in einer Mietskaserne in der Koppenstrasse 65. Die Familie war arm, denn Küchenmeister hatte Berufsverbot und war ohne Einkommen. 1934 wurde er erneut verhaftet und war bis 1935 im Konzentrationslager Sonnenburg. Durch die Haft bedingt, erkrankte er an einer unheilbaren Tuberkulose, wodurch es für ihn noch schwieriger wurde, Arbeit zu finden.

1936 lernte er die Ärztin Elfriede Paul kennen, die wie er, im Widerstand tätig war und sich um seine Gesundheit kümmerte. Sie versorgte ihn und er zog 1937 zu ihr nach Wilmersdorf in die Sächsische Straße. Walter Küchenmeister holte seine Söhne Rainer und Claus nach Wilmersdorf. Der mittlere Sohn Anselm blieb bei der Mutter in der Koppenstraße und die beiden anderen Brüder kamen oft dorthin, um ihre Mutter so oft wie möglich zu sehen. 1941 beginnt Rainer Küchenmeister eine Ausbildung als Dekorationsmaler.

Die „Rote Kapelle“

Die Wilmersdorfer Arztpraxis von Elfriede Paul, war auch ein wichtiger Treffpunkt der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Dieser Kreis war ein Netzwerk von ca. 150 Regimekritikern das bereits seit 1933 Widerstand durch Hilfen für Verfolgte, das Verbreiten von Flugschriften und Klebezetteln mit regimekritischen Inhalten, das Sammeln und Weitergeben von Informationen, auch an Auslandsvertreter, über deutsche Kriegsvorbereitungen sowie Verbrechen der Wehrmacht und NS-Verbrechen, die Kontaktaufnahme zu anderen Oppositionskreisen und ausländischen Zwangsarbeitern, das Aufrufen zu Gehorsamsverweigerung gegenüber NS-Vertretern und die Diskussion von Entwürfen für eine mögliche Nachkriegsordnung, leistete.

Den heute noch für dieses Widerstandsnetzwerk gebräuchlichen Namen „Rote Kapelle“ erhielt es durch eine Fremdzuschreibung durch die Gestapo. Weil Funker im Geheimdienstmilieu „Pianisten“ genannt wurden, bezeichnete die Gestapo die unbekannten Absender von Funksprüchen als „Rote Kapelle“. Durch einen sowjetischen Geheimdienstmann wurden Informationen über die Gruppe an den Kriegsfeind Sowjetunion gefunkt, weshalb die Gestapo in ihr eine sowjetische Spionageorganisation sah.

Durch Elfriede Paul und seinen Vater kam Rainer Küchenmeister schon sehr früh mit der Gruppe in Kontakt und war beit Treffen dabei, verteilte Flugblätter und schrieb mit seinem Bruder Anselm regimekritische Parolen an Häuserwände.

Am 16. September 1942, im Rahmen einer großen Verhaftungswelle gegen das Netzwerk, wird Rainer Küchemeister zusammen mit seinem Vater und Elfriede Paul verhaftet und von der Gestapo verhört. Obgleich erst 16 Jahre alt schweigt er auch unter dem Druck, dem ihn die Gestapo aussetzt.

Haft, KZ und Strafbataillon

„…Nur leben will ich, leben, leben. …“

Cato Bontjes van Beek in einem Kassiber an Rainer Küchenmeister

(Polizeigefängnis Alexanderplatz, Dezember 1942/Januar 1943)

Erste Station seines nun folgenden Leidensweges ist das Polizeigefängnis Alexanderplatz wo er in einer Einzelzelle inhaftiert ist.

. In der Zelle genau über ihm waren Frauen inhaftiert, die zur Ermutigung viele Lieder sangen. Es gelang ihm, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Es waren Frauen aus der „Roten Kapelle“. Ganz besonders entwickelte sich dabei die Freundschaft zu Cato Bontjes van Beek. Sie sprachen miteinander in den Nächten über die Etage hinweg. Die junge Frau machte dem Jungen Mut und sie schrieben sich über Kassiber Briefe. Zwischen den beiden entstand eine liebevolle Beziehung der Mitmenschlichkeit, die in ihrer Art einmalig genannt werden kann und die noch heute viele Menschen beeindruckt. Cato forderte den Jungen auf, sich nie aufzugeben und unbedingt seinem Wunsch entsprechend Maler zu werden. Es gelang dem Jungen nie, Cato zu sehen. Eine arrangierte Begegnung im Flur misslang. Ein Spiegel, den der Junge von einem Mitgefangenem erhielt, brachte auch keine Lösung. Rainer hat seine vielleicht erste große Liebe nie sehen können. Catos Briefe, die sie an den verzweifelten Jungen schrieb, um ihm Mut zu machen. sind besondere Dokumente. Sie selbst wurde zum Tode verurteilt und am 5. August 1943 hingerichtet. Sein Vater Walter Küchenmeister war bereits am 13. Mai hingerichtet worden.

Rainer kam vom Polizeigefängnis am Alexanderplatz in das berüchtigte Jugend-KZ in Moringen. Im März 1945 wurde er mit einem Strafbataillon an die Front geschickt und geriet in für kurze Zeit in sowjetische Gefangenschaft.

Sein weiterer Lebensweg

Mit 18 Jahren kehrte Rainer Küchenmeister aus dem Krieg zurück. Sein Vater war hingerichtet und seine Mutter bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Er fand Unterschlupf bei Elfriede Paul, die eine Zuchthausstrafe verbüßt hatte und in Burgdorf bei Hannover wieder als Ärztin arbeitete. Rainer begann ein Studium an einer handwerklichen Kunstschule in Bielefeld. Als Elfriede Paul nach Ostberlin übersiedelte, ging er mit und studierte an der Kunsthochschule in Weißensee. Da er mit den reglementierten Verhältnissen in der entstehenden DDR nicht zu recht kam und an der Kunsthochschule relegiert worden war, ging er nach Westberlin und malte abstrakte Bilder, die in der DDR ohnehin nicht gefragt waren. Obwohl er sich schon in den 50er Jahren an Ausstellungen beteiligte, erfolgte sein Durchbruch erst 1963 auf der Kunstausstellung dokumenta III und seine Kunst fand zum ersten Mal international insbesondere in Frankreich Beachtung. Er wurde Professor an der Akademie der Künste in Karlsruhe und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Seine Figuren haben eine Besonderheit, sie tragen keine Gesichter. In wie weit seine Liebe zu der nie gesehenen Cato hier mitbestimmend war? – Darüber kann nur spekuliert werden. Er verbrachte seinen Lebensabend in Frankreich und starb am 6. Mai 2010.

Louise Schroeder

“It was difficult to realize the strength within this quiet, motherly – appearing woman.”

(Es war schwierig die Stärke in dieser ruhigen, mütterlich wirkenden Frau wahrzunehmen.)

Lucius D. Clay

Louise Schroeder ist Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfziger Jahre, die bekannteste Frau Deutschlands. Als sie im September 1950 an einer Sitzung des Straßburger Europarats teilnimmt und Churchill für die deutsche Delegation ein Frühstück gibt, sagt er zu dem Delegationschef Plünder: “Die Auswahl der Einzuladenden überlasse ich Ihnen – unter einer Bedingung: Frau Schröder muß meine Tischnachbarin sein.”

Das große Ansehen Louise Schroeders, rührt aus der Zeit, als sie in einer der schwierigsten Phasen der Berliner Stadtgeschichte, als amtierende Oberbürgermeisterin für Groß-Berlin, von Mai 1947 bis Dezember 1948, die Geschicke der Stadt in schwierigen Zeiten mitbestimmt. Gerade die Verbindung ihres sozialpolitischen Engagements mit ihren politischen Zielen eines freiheitlichen Sozialismus verhilft ihr damals zu größtem Ansehen.

Doch auch die Berliner Arbeiterwohlfahrt ist “ihrer Louise” zu großem Dank verpflichtet. Als Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, ab Mai 1946, setzt sie ihr ganzes politisches Gewicht und ihr ganzes diplomatisches Geschick ein, um die Wiederzulassung der im Nationalsozialismus verbotenen Arbeiterwohlfahrt, auch gegen sowjetischen Widerstand, durchzusetzen.

Eine Langfassung des Textes finden Sie hier als Download in PDF.

Louise Schroeder net

Franz Neumann

“Berlin ist immer eine Stadt des Widerstands gewesen.”

Franz Neumann

Auch wenn Franz Neumann diesen Satz im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen das 3. Reich geprägt hat, ist sein Leben insgesamt ein Leben des Widerstands. Ein Leben das geprägt ist vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus und vom Widerstand gegen die Vereinigung von SPD und KPD. Auch während seiner fast dreißig Jahre als Vorsitzender im Landesvorstand der AWO setzt er als Querdenker wichtige Impulse.

Den kompletten Text erhalten Sie hier als Download in PDF-Format.

Franz Neumann Langtext

Juchacz Marie

Marie Juchacz

“Eine der großen Begabungen von Marie Juchacz war, dass sie verstand, Menschen für die von ihr vertretenen Ideen zu gewinnen, ja sie zu begeistern; sie scheint ständig auf der Suche nach Menschen gewesen zu sein, von denen sie erwarten durfte, dass sie für die fachliche und wohlfahrtspolitische Entwicklung des Verbandes hilfreich sein könnten.”

Lotte Lemke

Marie Juchacz ist eine der bemerkenswertesten Frauen der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Aus einfachen Verhältnissen stammend, entflieht sie nach einer glücklosen Ehe mit ihren Kindern und ihrer Schwester Elisabeth der Enge der Provinz und zieht nach Berlin. Dort engagiert sie sich in der späten Kaiserzeit für die SPD und steigt langsam in der Parteihierarchie auf. Nach dem 1. Weltkrieg wird sie zu einer der prägendsten Politikerinnen der jungen Republik und widmet sich gleichzeitig dem Aufbau der von ihr begründeten “Arbeiterwohlfahrt”. Der Nationalsozialismus zwingt sie ins Exil, wo sie erst ihre Kraft für die konkrete Hilfe anderer Flüchtlinge und nach Kriegsende für die Hilfe der notleidenden Bevölkerung in Deutschland einsetzt.

Als erste Frau die jemals in einem deutschen Parlament gesprochen hat und als Gründerin der Arbeiterwohlfahrt zählt sie zu den großen Frauen der deutschen Sozialdemokratie.

Eine Langfassung des Textes finden Sie hier als Download in PDF.

Marie Juchacz net

Fraenkel Ernst

Ernst Fraenkel

(1898-1975)

26.12.1898 Geburt als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern in Köln

1916-1918 Soldat

1919-1921 Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte in
Frankfurt/Main

1923 Promotion bei Hugo Sinzheimer

1925 Abschluss des Referendariats

1925 Dozent an der Wirtschschaftsschule das Deutschen
Metallarbeiter-Verbandes in Bad Dürrenberg

1927 Gemeinsame Rechtsanwaltskanzlei mit Franz Neumann in
Berlin Syndikus des Deutschen Metallarbeiter-
Verbandes

Ab 1933 Widerstand im „Internationalen Sozialistischen
Kampfbund“ (ISK). Vertritt im Zuge der ersten
Prozesse gegen Berliner Sozialdemokraten, viele der
Verfolgten und erzielt zum Teil spektakuläre
Freisprüche, mit der Begründung die Geständnisse
seien unter Zwang entstanden.

1938 Emigration in die USA

1939-1941 Studium des amerikanischen Rechts an der Law School
der University of Chicago

Danach mehrere Publikationen (u.a. mit Hedwig
Wachenheim) zum politischen Neuaufbau Deutschlands
nach dem 2. Weltkrieg

1941 Erscheint in den USA, in englischer Sprache,
Fraenkels wissenschaftliche Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus „Der Doppelstaat“.

1944 Eintritt in den US Regierungsdienst

1945-1950 Berater amerikanischer Behörden in Korea.

1951 Rückkehr nach Deutschland und Dozent an der
Deutschen Hochschule für Politik in Berlin

1953-1967 Professor an der Deutschen Hochschule für Politik
bzw. dem Otto-Suhr-Institut der FU.

Er entwickelt das wissenschaftliche Konzept eines
normativ orientierten „Neo-Pluralismus“.

1967 Emeritierung

1975 Tod in Berlin

Wachenheim Hedwig

Hedwig Wachenheim

“Für den Kampf und den Aufstieg der Arbeiterklasse ist Verwirrung all dessen, was ist, gefährlicher als klare Gegnerschaft.“

Hedwig Wachenheim
Wachenheim Hedwig, Nationalsozialismus und Wohlfahrtspflege

Hedwig Wachenheim – die Frau die unserem Verein ihren Namen gibt, ist heute fast vergessen. In der Zeit der Weimarer Republik jedoch war sie eine bekannte und engagierte, wenn auch untypische Vertreterin der Arbeiterbewegung.
Als junge Frau mit großbürgerlich jüdischem Hintergrund, engagiert sie sich als Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt vor allem für die Durchsetzung des Prinzips der Nichtdiskriminierung in der sozialen Arbeit und für die Etablierung der Sozialarbeit als Beruf.
Als Beamtin und Politikerin kämpft sie vor allem für die Demokratisierung der ehemals kaiserlichen Verwaltung und gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus.
Als Wissenschaftlerin etabliert sie sich im amerikanischen Exil, ähnlich vielen ihrer ehemaligen Mitstreiter, wie Herta Kraus, Erna Magnus, Walter Friedländer und Hans Staudinger, im sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb der USA.
Nach Jahren des Exils kehrt sie 1945 als Mitarbeiterin der US-Militärregierung wieder nach Deutschland zurück. Obgleich sich ihr die Gelegenheit bietet in Deutschland wieder Fuß zu fassen, kehrt sie 1951 in die USA zurück.
Wir als Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft fühlen uns vor allen Dingen ihrer Haltung zur sozialen Arbeit verpflichtet, das Prinzip der Nichtdiskriminierung mit einem hohen professionellen Anspruch zu verbinden.

In diesem der Vita und dem Werk von Hedwig Wachenheim reservierten Teil unseres Auftrittes im Internet finden Sie hier gleich im Anschluss eine längere Biografische Skizze über Leben und Werk von Hedwig Wachenheim.

Hedwig Wachenheim biografische Skizze

Schmidt Kurt

Kurt Schmidt

“Die Politik soll wieder das werden, was sie sein muss: Die Wissenschaft von der Ordnung des Lebens, der Beziehungen der Menschen untereinander. Das ist das Vermächtnis der sozialistischen Arbeiterjugend. Dafür haben wir gekämpft und gelitten. Ich lege es in Eure Hände; bewahrt es. Schreitet auf diesem Weg fort. Freiheit”

Kurt Schmidt 10.02.1946

Als am 2. Mai 1946, der erste Berliner AWO-Vorstand, gebildet wurde, war Kurt Schmidt mit 33 Jahren, mit Abstand der Jüngste. Dennoch war der Ingenieur bereits hauptamtlicher Sekretär des Jugendausschusses der Berliner SPD und 2. Kreisvorsitzender der SPD in seinem Heimatbezirk Neukölln. Trotz seiner Jugend hatte er bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Es war geprägt vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der Verhinderung einer Verschmelzung von SPD und KPD. Eine glänzende politische Karriere stand ihm mit seiner zupackenden und mitreißenden Persönlichkeit noch bevor.

Arbeit in der SAJ

1913 geboren, engagierte er sich sehr frühzeitig in der Weimarer Republik bei der SAJ und als Betreuer bei den von Kurt Löwenstein geprägten Kinderfreunden. 1930 wurde er in den Berliner Vorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) gewählt. Dort wirkte er in den letzten Monaten der Weimarer Republik und in den ersten Monaten der Regierung Hitlers dem illegalen 7er Ausschuß der Berliner SAJ. Dieses geheime Gremium, das unter dem Einfluß der Gruppe “Neu Beginnen” stand, traf Vorbereitungen für den Gang der SAJ in die Illegalität, um aus dem Untergrund, den Nationalsozialismus zu bekämpfen.
Damit standen sie in Opposition zur Mutterpartei, der Berliner SPD, die auch Anfang 1933 noch eine Legalitätsstrategie verfolgte, die auf dem Glauben beruhte, daß wenn man streng legal arbeite, die SPD als Organisation auch unter einer nationalsozialistischen Regierung erhalten werden könnte. Im April 1933, trat der Konflikt mit dem Parteivorstand um Franz Künstler offen zu Tage und Kurt Schmidt wurde zusammen mit anderen SAJ-Funktionären wie Erich Schmidt, Theo Thiele, Eberhard Hesse, Kurt Mattick und Fritz Erler aus der SPD ausgeschlossen.

Neu Beginnen

Nach seinem Parteiausschluss arbeitete Kurt Schmidt bei Neu Beginnen weiter. 1935 spaltete sich Neu Beginnen, da der Gründer Walter Löwenheim, den Nationalsozialismus als gefestigt ansah und den Widerstand aus dem Exil fortsetzte. 1935/36 kommt es zu einer großen Verhaftungswelle in der insgesamt 36 Mitglieder von Neu Beginnen verhaftet werden. Kurt Schmidt und Fritz Erler bleiben von dieser Verhaftungswelle verschont und organisieren die Gruppe neu. Sie nehmen Kontakt zum Exilvorstand der SPD in Prag auf und Schmidt trifft sich nach einem illegalen Grenzübergang in die CSR mit Paul Hertz einem Mitglied des Exilvorstandes.
Ziel des Treffens war die Kooperation in Deutschland mit einer Widerstandsgruppe von ehemaligen USPD-Mitgliedern der “Deutschen Volksfront” in die Wege zu leiten. Ergebnis war eine gemeinsame 10 Punkte Erklärung die illegal verbreitet wurde. Dabei mußten die bei Neu Beginnen üblichen Sicherheitsregeln etwas gelockert werden und der Gestapo glückte im Herbst 1938 der entscheidende Schlag gegen den illegalen Kreis. Über zwanzig Mitglieder, darunter auch Kurt Schmidt, werden verhaftet.
Vom Volksgerichtshof wird er zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz vor Kriegsende gelingt ihm am 16.4.1945 auf einem Gefangenentransport die Flucht. Er versteckt sich bis zur Befreiung und beginnt direkt nach Kriegsende die ehemaligen Mitglieder von Neu Beginnen in einer Arbeitsgemeinschaft zu sammeln.

Gegen die Vereinigung von SPD und KPD

Im Juni 1945 tritt Kurt Schmidt wieder in die SPD ein und baut die Abteilung in Britz mit auf. Ab August ist er Mitarbeiter beim Zentralausschuss der SPD im politischen Büro von Gustav Klingelhöfer und ist dort an der Ausarbeitung der Reden von Otto Grotewohl beteiligt.
Nach dem Einschwenken von Grotewohl, auf die von der sowjetischen Militäradministration vorgegebene Linie der Parteienverschmelzung, wird Kurt Schmidt zum geistigen Kopf des Widerstands in der stark von dem Vereinigungsbefürworter Max Fechner geprägten Neuköllner SPD. Im Februrar 46 trifft er sich zum ersten Mal mit Kurt Schumacher und am 17. März, wird er berlinweit bekannt, als er unerwartet auf einer Kreisdelegiertenversammlung der SPD Neukölln eine maßgeblich von ihm verfaßte Resolution gegen die Vereinigung mit der KPD durchsetzt. Eine Woche nach der Urabstimmung, die die Spaltung der SPD in Berlin einläutet , wird er 2. Kreisvorsitzender der SPD Neukölln. Ab Mai wird er hauptamtlicher Sekretär im Jugendausschuß der SPD –Berlin.

Ein zu kurzes Wirken für die AWO

Am 2. Mai 1946 wird Kurt Schmidt als Beisitzer in den ersten AWO-Landesvorstand bestellt. Ein Schreiben Luise Schroeders an die Alliierte Kommandantur, weist ihn neben Luise Schroeder, Franz Neumann, Ida Wolff und Bruno Lösche als einen der 5 Gründer der Berliner AWO aus. Auf der Bezirksdelegiertentagung am 20. April 1947 wird er in seinem Amt bestätigt. Kurt Schmidt stirbt viel zu früh im Juni 1947 im Alter von 34 Jahren an den Folgen einer Blinddarmoperation. “Mit ihm verlor die freiheitliche Arbeiterbewegung eine ihrer größten Hoffnungen.” (Hans-Rainer Sandvoß)

Fechner Max

Max Fechner

(2.7.1892- 13.9.1973)

Max Fechner ist wohl eine der tragischen Figuren der deutschen Arbeiterbewegung. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und seines Leids im KZ, tritt er 1945, wie kaum ein anderer in der SPD für den Zusammenschluss mit der KPD ein und wird 2. Vorsitzender der SED. Als Justizminister der DDR positioniert er sich im Nachgang des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 deutlich für die streikenden Arbeiter.
Daraufhin wird er von allen Ämtern enthoben und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Homosexualität wird dabei als strafverschärfend gewertet.

1892-1933 Vom Arbeiterkind in den Apparat der Arbeiterbewegung

Am 2. Juli 1892 wird Max Fechner als Sohn eines Maurers geboren. Nach der Volksschule macht er eine Lehre als Werkzeugmacher. 1908 tritt er in die SAJ ein, 1910 in den Deutschen Metallarbeiterverband (der Vorläuferorganisation der heutigen IG-Metall) und 1911 tritt er der SPD bei. 1917 tritt er wie die meisten Sozialdemokraten im Großraum Berlin in die USPD über. 1920 wird er Angestellter beim ZK der USPD und 1921 Bezirksverordneter in Neukölln. Dieses Mandat hat er bis 1925 inne. 1922 kehrt er in die SPD zurück und 1923 wird er Mitglied des Preußischen Landtages und hauptamtlicher Sekretär beim Hauptvorstand der SPD. Konkret ist der dort Leiter der kommunalpolitischen Zentralstelle und Hauptschriftleiter (Herausgeber) der kommunalpolitischen Zeitschrift der SPD “Die Gemeinde”. Da Wohlfahrtsarbeit hauptsächlich auf kommunaler Ebene stattfand, wurde Fechner auch 1924 als stellvertretender Kassier in den geschäftsführenden Ausschuss der Arbeiterwohlfahrt gewählt.

1933-1945 KZ Haft und alte Kontakte

1933 wird Fechner als Angestellter der SPD erst einmal arbeitslos und arbeitet politisch in der Illegalität weiter. Noch 1933 wird er festgenommen und in einem der ersten Prozesse gegen leitende Funktionäre der SPD angeklagt. Der noch bis 1938 in Berlin arbeitende sozialdemokratische und jüdische Rechtsanwalt Ernst Fraenkel erreicht zwar in der Verhandlung 1934 einen Freispruch, indem es ihm gelingt “den Vorsitzender der Strafkammer durch die Argumentation zu beeindrucken, die Aussagen seien unter körperlichem Zwang entstanden.”
Trotzdem wird Max Fechner weiterhin gefangen gehalten, in ein KZ verschleppt und erst 1935 entlassen. Danach erwirbt er in Neukölln ein kleines Milchgeschäft das bald zum Begegnungsort vornehmlich älterer Sozialdemokraten wird, die der verbotenen Partei die Treue halten. In den letzten Kriegsjahren 1944/45 wird er erneut inhaftiert und er steht bereits in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 in dem Ruf mit ansprechbaren Kommunisten Kontakt zu haben.

1945-1953 Die Idee der geeinten Arbeiterklasse und ihr Scheitern

Wenn überhaupt ein Sozialdemokrat, sich von Anfang an für die Idee begeisterte, dass zukünftig eine geeinte Arbeiterpartei, dafür sorgen könne, dass sich in einem neuen Deutschland so etwas wie der Niedergang der Republik zu Beginn der Dreißiger Jahre nicht wiederholt, so war dies Max Fechner. Bereits am 28.4.1945, also noch vor der vollständigen Besetzung Berlins durch die Rote Armee, schreibt er an Walter Ulbricht “einen Brief mit dem Angebot, sofort eine einheitliche Arbeiterpartei zu schaffen; dieser behauptet, den Brief nicht erhalten zu haben; im weiteren Fusionsprozess spielt dieses Angebot immer wieder eine wichtige Rolle zum Beweis für den ursprünglichen Einheitswillen der Sozialdemokratie.”
Im sich bald darauf konstituierenden Zentralausschuss der SPD wird er zu einem der drei Vorsitzenden gewählt und ist bald neben Otto Grotewohl die wichtigste Leitungspersönlichkeit der Sozialdemokraten in der SBZ. Allerdings wird er im weiteren Verlauf der Parteivereinigung immer mehr von Zweifeln geplagt und ist mit dem Vorgehen der sowjetischen Militäradministration und ihrer hintergründigen bis offenen Unterstützung der KPD nicht unbedingt einverstanden. So heißt es in einem vertraulichen KPD-Material vom 3. August 45: “Er ist sich darüber nicht im Klaren, ob die Kommunisten die Einheitsfront ehrlich wollen. Meint Shukow es ehrlich, wenn er führenden Vertretern des ZA sagte, die SMAD müsse sich mehr auf die SPD stützen?” Das Programm der SPD sei wesentlich radikaler als das der KPD. Auf die Frage ob die SPD die Kommunisten unterstützen könne sagt er: „Die SPD ist unbelastet. Wir werden bald Kommunalwahlen haben und müssen darauf bedacht sein uns nicht zu belasten.”
Am 10. Und 11. Februar leitet er die ZA-Sitzung, die mit Mehrheit den Kurs zur Vereinigung mit der KPD beschließt. Im ersten Wahlgang enthät er sich und stimmt erst im 2. Wahlgang mit ja. Trotz seiner Bedenken bleibt er in letzter Konsequenz ein Verfechter der Vereinigung zur SED. Schmerzlich trifft ihn sicher auch, dass in seinem Heimatbezirk Neukölln, am Vormittag, des 7. April 1946 die Kreisdelegiertenkonferenz sich mit knapper Mehrheit für den Wechsel in den neuen Landesverband der SPD, der am Nachmittag des gleichen Tages in der Zehlendorfer Zinnowaldschule konsitituiert werden soll, ausspricht und Max Fechner aus der SPD ausschließt.
In der SBZ und ab 1949 in der DDR macht er erst einmal Karriere und gehört zu den Spitzen der SED. Auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD zur SED am 20. und 21. April 46 wird er neben Wilhelm Pieck zum 2. Vorsitzenden der SED gewählt. 1948 Wird er Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz und 1949 erster Justizminister der DDR.
Eine nochmals große Wende in seinem Leben ereignet sich im Zusammenhang der Nachwirkungen des niedergeschlagenen Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953.
Zwei Wochen nach den Ereignissen um den 17. Juni, als es um dessen strafrechtliche Aufarbeitung ging, publizierte das Neue Deutschland ein Interview mit dem DDR-Justizminister, das für Aufsehen sorgte. Im Hinblick auf die ersten Prozesse gegen so genannte Rädelsführer, führte Fechner aus: “Es dürfen nur solche Personen bestraft werden, die sich eines schweren Verbrechens schuldig machten. Andere Personen werden nicht bestraft. Das trifft auch für Angehörige der Streikleitung zu. Selbst Rädelsführer dürfen nicht auf bloßen Verdacht…. bestraft werden.”
Zwei Tage später setzte das “Neue Deutschland” noch eins drauf indem es Äußerungen Fechners aus dem Interview abdruckte, die ursprünglich wegen eines “technischen Fehlers” nicht veröffentlicht worden waren. Fechner hatte erklärt: “ Das Streikrecht ist verfassungsmäßig garantiert. Die Angehörigen der Streikleitung werden … nicht bestraft.”
Vor dem Hintergrund dieser Äußerungen, die insbesondere die Legalität des Streikrechtes auch für ein sozialistisches System, wie die DDR heraushob, keimte insbesondere bei den in der DDR Verhafteten, deren Angehörigen und vielen anderen die Hoffnung auf so etwas wie Rechtsstaatlichkeit in der DDR. Eine trügerische Hoffnung, denn dies war Fechners letztes Interview.
Am 14. Juli 1953 faßte das Politbüro folgenden Beschluss:
“1. Max Fechner wird wegen partei- und staatsfeindlichen Verhalten aus der Partei ausgeschlossen.
2. Fechner wird seiner Funktion als Justizminister enthoben und in Untersuchungsarrest genommen.
3. Den Sekretären der Bezirksleitungen wird mitgeteilt, dass das Politbüro das Interview Fechners für falsch und schädlich hält.”
Max Fechner wurde 1955 wegen “Verbrechen gegen den Staat” zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Dabei wurden Fechners “homosexuelle Neigungen” als strafverschärfend gewertet.
Im April 1956, der sogenannten “Tauwetterperiode” nach dem XX. Parteitag der KPDSU wurde Fechner begnadigt und aus der Haft entlassen. 1958 wurde er wieder in die SED aufgenommen. Max Fechner starb am 13.9.1973.
Als Justizministerin, folgte 1953 auf Max Fechner, Hilde Benjamin, die von keiner bürgerlichen Rechtsauffassung angekränkelt, die Justiz, vor allen Dingen als “Instrument im Klassenkampf” einsetzte. Daran konnte auch nach den Urteilen der DDR-Justiz im Nachgang des 17. Juni kein Zweifel mehr aufkommen: Gegen 3449 Personen wurden Strafverfahren eingeleitet. Gegen 2134 wurde Anklage erhoben. 1526 Personen wurden verurteilt. Darunter waren 2 Todesurteile, 3 Mal lebenslänglich Zuchthaus, 13 Strafen von 10-15 Jahren, 99 Strafen von 5-10 Jahren, 824 Strafen von 1-5 Jahren und 546 Strafen bis zu einem Jahr. Nicht nur Max Fechner hat für seine rechtsstaatliche Auffassung bitter genug bezahlt.