Ausstellungen

Das Konzept

Jugendwiderstand und Jugendopposition in der DDR 1968-1989


Die Ausstellung “Wartet nicht auf bess’re Zeiten!” Jugendwiderstand und Jugendopposition in der SBZ/DDR (1948-1989) bietet einen Einblick in eine jugendkulturell geprägte (Punk und Rock) Widerstandskultur in den letzten 20 Jahren der DDR, die sich gegen staatliche Repression insbesondere auch unter dem Dach von evangelischen Kirchengemeinden etablierte und wichtige Impulse für die friedliche Revolution im Herbst 1989 setzte. Die Ausstellung soll die Erinnerung an die Bedeutung von Widerstand und Opposition in Friedrichshain wach halten und mahnen, wie wichtig der “aufrechte Gang” und Zivilcourage auch heute sind.

Da sich die Ausstellung in erster Linie an Jugendliche richtet, bietet sie durch die Verwendung von Bild- und Tondokumenten einen Einblick in eine jugendliche Lebenswelt, die sich weniger anhand der praktizierten Lebensformen, aber umso deutlicher aufgrund der politisch gesetzten Rahmenbedingungen im SED-Staat von der Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen unterscheidet.

Der konzeptionelle Ansatz dient insbesondere dazu, die schwierigen Lebensbedingungen insbesondere von alternativ orientierten Jugendlichen in der DDR der jungen Generation von heute zugänglich zu machen.

 


 

“Wartet nicht auf bess’re Zeiten!’ zum Jugendwiderstand in der DDR”

Die Dauerausstellung bietet einen Einblick in jugendkulturell geprägte Widerstandsstrukturen im ehemaligen Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain in den Jahren 1948-1989. Dabei wird besonders die lange Widerstandstradition des Bezirks beleuchtet.
Viele DDR-Jugendoppositionen etablierten sich insbesondere unter den Dächern evangelischer Kirchengemeinden, u.a. in unserer Galiläakirche, wo man sich offen gegen staatliche Repression aussprechen, sich vernetzen und Impulse für die friedliche Revolution 1989 setzen konnte.
In Friedrichshain widmeten sich junge Menschen u.a. folgenden Themen:

 

Der Prager Frühling
Seinen Namen erhielt der Prager Frühling von einem Prager Musikfestival, doch war damit der Aufbruch der tschechoslowakischen Gesellschaft aus einer Eiszeit stalinistischer Herrschaft gemeint. Am 5. April 1968 stellte die KPČ unter ihrem neuen Leiter Alexander Dubček ein Reformprogramm vor, das Wirtschaftsreformen einleitete, die Pressefreiheit garantierte und auch eine Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen vorsah. Kunst und Kultur begannen nach Abschaffung der Zensur aufzublühen, öffentlich wurden neue Sozialismusmodelle diskutiert.
Während Prag zu einem Mekka für Jugendliche aus ganz Europa wurde, fürchteten die Regierungen der anderen kommunistischen Staaten um ihre Macht und forderten von der tschechische Regierung, die Refor­men zu beenden.

In der Nacht zum 21. August marschierten die Truppen Ungarns, Polens, Bulgariens und vor allem der Sowjetu­nion in die ČSSR ein und beendeten die Reformen gewaltsam. Die Truppen der DDR-Armee NVA hielten sich in Bereitschaft. 98 Tschechen und Slowaken und 50 Soldaten der Interventionstruppen verloren ihr Leben.

In der DDR kam es aufgrund der Besetzung zu zahlreichen Protesten, wobei dem Ministerium für Staatssicherheit insgesamt 1189 Personen ins Netz gingen. Dreiviertel davon waren unter 30 Jahre alt. Einige von ihnen gründeten später in der Samariterstraße die Kommune 1 Ost.

Für viele Menschen fand mit der Unterdrückung des Prager Frühlings die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft mit menschlichem Ant­litz ein Ende.

Der damals siebzehnjährige, in Prag geborene Schriftsteller Jan Faktor erinnert sich an den Prager Frühling:

“Der Frühling 1968 war – Verliebtheiten und andere aufregende Dinge gab es gleichzeitig auch noch – wunderbar. Die Angstfreiheit bei den Diskussionen im Stadtzentrum, das Ende der Phrasen in den Medien, die Explosion der schöpferischen Kräfte in der Kultur war überall spürbar – in den Theatern, auf der Karlsbrücke oder bei Rockkonzerten. Das alles werde ich nie vergessen. (…)

Die Eindrücke aus diesen acht Monaten hielten mich dann noch sehr lange gefangen, so dass ich vielleicht erst zehn Jahre später rigoros und endgültig über das politische Experiment von damals urteilen konnte. Die Erinnerung an das Gefühl, was eine angstfreie, offene Gesellschaft sein kann, blieb in mir aber ganz wach.”

(Jan Faktor: Meine ganz privaten Ansichten zu Prag 1968, Horch und Guck, 2/07, S. 28-31, http://www.horch-und-guck.info/index.php/archiv/2004-2008/24-inhaltsverzeichnisse/82-heft-58-02-2007-seite-3 )

Literatur: Dieter Segert: Prager Frühling. Gespräche über eine europäische Erfahrung, Bonn 2008

Weitere Infos: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2661

Der Berliner Appell
Im Dezember 1981 arbeiteten der Systemkritiker Robert Havemann und der Pfarrer der Friedrichshainer Samaritergemeinde Rainer Eppelmann zusammen einen Abrüstungsaufruf aus, der die Regierungen beider deutscher Staaten dazu aufforderte, ungeachtet ihrer Blockeinbindungen, in Abrüstungsverhandlungen zu treten.

Als der Berliner Appell am 25. Januar 1982 veröffentlicht wurde, hatten ihn schon etwa 80 Personen, darunter auch viele Friedrichshainer Jugendliche, unterzeichnet. SED-Chef Erich Honecker entschied nicht, wie vom Staatssekretariat für Kirchenfragen vorgeschlagen, die Kirche in belehrenden Gesprächen unter Druck zu setzen und zu Maßnahmen gegen Eppelmann zu bewegen, sondern verlangte, gegen Eppelmann „nach Gesetz“ zu verfahren. Darauf wurde Reiner Eppelmann am 9. Februar 1982 verhaftet. Zwar wurde er zwei Tage später nach Intervention der Kirchenleitung wieder entlassen, doch wurde dies mit der Auflage an die Kirche verbunden, Eppelmann zu disziplinieren. Offiziell distanzierte sich die Kirche von ihm und erklärte, dass im Berliner Appell ein „Zerrbild von den politisch Verantwortlichen gezeichnet“ würde. Reiner Eppelmann wurde vorgeschlagen, in den Westen auszureisen, was dieser ablehnte.

Die Kirchenleitung sammelte die Unterschriftenlisten mit der Begründung wieder ein, die Jugendlichen vor dem MfS schützen zu wollen, die den Appell unterzeichnet hatten. Kritiker monierten, dass die Kirchenleitung lediglich an einem angenehmen Staat-Kirche-Verhältnis interessiert sei.

Der Berliner Appell war der erste große Konflikt zwischen Vertretern einer Basisinitiative und der Kirchenleitung. Die Gruppen reagierten mit der Organisation der Friedenswerkstatt in der Lichtenberger Erlösergemeinde, an der auch der Friedenskreis Samariter teilnahm, der 1987 in eine Initiative zur Gründung der Kirche von Unten führen sollte.

Frauen für den Frieden - Gemeinsam für Abrüstung
Ende der siebziger Jahre entstanden in der DDR Gruppen, die sich unabhängig von der offiziellen Politik mit Fragen der Friedenssicherung und des Umweltschutzes auseinander setzten. Auch in Friedrichshain arbeiteten solche Friedensinitiativen und Friedensgruppen. Nachdem am 25. März 1982 ein neues Wehrdienstgesetz erlassen wurde, laut dem im Verteidigungsfall auch Frauen eingezogen werden konnten, gründeten Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Irena Kukutz, Bettina Rathenow, Jutta Seidel u. a. eine Gruppe, die sich den 1970 in Irland gegründeten Frauen für den Frieden anschloss und damit Teil der internationalen Friedensbewegung wurde. Einen Protestbrief gegen das neue Wehrdienstgesetz unterschrieben 150 Frauen. Ihre 1984 bis 1987 in der Auferstehungskirche in der Friedrichshainer Friedenstraße veranstalteten Nachtgebete stießen auf das Misstrauen der Sicherheitskräfte. Als vier Frauen am 12. Dezember 1983 inhaftiert wurden, mussten sie aufgrund internationalen Protests wieder freigelassen werden. Die Stationierung sowjetischer Atomwaffen in der CSSR, DDR und Polen, genauso wie die Hochrüstung Belgiens, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande und der BRD mit amerikanischen Atomwaffen, brachte diese Frauen dazu, gemeinsam mit Frauengruppen aus anderen europäischen Staaten, einen offenen Brief herauszugeben:

„Für Entspannung von unten! Für Entnuklearisierung Europas!“

Die Frauen für den Frieden waren nicht nur friedenspolitisch tätig, sondern beschäftigten sich auch mit Fragen der Geschlechterrolle in Kirche und Gesellschaft. Das MfS „organisierte“ den Frauen berufliche und persönliche Misserfolge. Weil ihre Gruppe unter dem Dach der Kirche agierte, wurde auch die Kirchenleitung unter Druck gesetzt. Diese teilte daraufhin den Frauen 1984 mit, ihre Aktionen nicht mehr schützen zu können. Die Frauen für den Frieden waren in der zeit der Friedlichen Revolution an zahlreichen Neugründungen, wie z. B. Der des Neue Forums und des Unabhängigen Frauenverbands (UFV) beteiligt und wirkten somit aktiv am Sturz der SED-Herrschaft mit.

Literatur: Antje Finger, Ingeborg Michael: Genau hingesehen, nie geschwiegen, sofort widersprochen, gleich gehandelt – Dokumente aus dem Gewebe der Heuchelei 1982 – 1989, Widerstand autonomer Frauen in Berlin Ost und West, Hg.: Bildungswerk für Demokratie und Umweltschutz, Januar 1990.

Ulrike Poppe: Frauen für den Frieden. In: Hans-Joachim Veen (Hg.): Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. Propyläen, Berlin – München 2000, S. 135-137.

Weitere Infos: Irena Kukutz „Die grenzüberschreitenden Aktionen der Bewegung Frauen für den Frieden in Ost und West – als Teil einer europäischen Frauenfriedensbewegung in den 80er Jahren“ Dokumentation: http://www.havemann-gesellschaft.de/index.php?id=81

Aus der Kirche in die Öffentlichkeit - Die Friedensdekaden in der DDR

Seit Ende der 1970er Jahre standen sich die Machtblöcke in Ost und West in einem verstärkten Wettrüsten unversöhnlich gegenüber. Abrüstungsgespräche zwischen den politischen Vertretern der Blöcke wurden von den Menschen immer mehr als fruchtlos und unglaubwürdig wahrgenommen. Dagegen nahm die Bedrohung durch die zahlreichen Nuklearwaffen zu und die Zivilgesellschaften in Ost und West wurden immer stärker militarisiert. Um von der Basis aus für den Frieden einzutreten und verstärkt Abrüstungsbemühungen einzufordern, wurde von Jugendpfarrern und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Jugend in der DDR erstmalig 1980 gemeinsam mit der Kommission für kirchliche Jugendarbeit eine Friedensdekade durchgeführt. Der Impuls zur Einführung einer Friedenswoche kam von einer kirchlichen Studenten- und Jugendkonferenz 1978 in Budapest.

Der Gedanke war, die zehn Tage vor dem Buß- und Bettag in Ost und West der Friedensarbeit zu widmen und der Friedensbewegung damit eine stärkere öffentliche Wirkung zu verleihen. Unter einem gemeinsamen Thema wurde über die Schrecken des Krieges aufklärt, über den Frieden diskutiert, gesungen, gebetet und über Initiativen nachgedacht, die dem Frieden nützen könnten. Das waren Gedankenaustausche, die den Frieden auf besondere Weise erfahrbar machten. Zunächst nur für einmal geplant, bereiteten auch in den Folgejahren zahlreiche Kirchengemeinden in den letzten zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag Veranstaltungen vor, die für den Frieden sensibilisieren sollten. Die Friedensdekade wurde in der DDR und in der Bundesrepublik durchgeführt und verstand sich daher als blockübergreifende Friedensinitiative.

Die Friedensdekaden haben Christen und Nichtchristen in der DDR die Erfahrung vermittelt, dass die „Kraft der Schwachen“ auch eine befreiende und ermutigende Wirkung haben kann und dass die Ideen der Friedensbewegung über den kirchlichen Kontext hinaus getragen und populär gemacht werden können.

Schwerter zu Pflugscharen

Anlässlich der Friedensdekade im November 1981 versahen der brandenburgische Landesjugendpfarrer Manfred Domrös und der Babelsberger Pfarrer Stephan Flade das Deckblatt einer Materialmappe mit dem Bild der Plastik Schwerter zu Pflugscharen. Diese Plastik war ein Geschenk der UdSSR an die UNO und stand vor dem New Yorker Uno-Hauptgebäude. Sie ließen das Symbol auf Stoff drucken, um es als Lesezeichen zu verteilen. Zahllose Jugendliche in der DDR, unter anderem auch welche, die zur Jugendarbeit in den Friedrichshainer Gemeinden Pfingst, Auferstehung und Galiläa kamen, schnitten das Symbol aus und nähten es auf ihre Jacken als Zeichen eines eigenständigen Friedenswillens.

Erstmals gelang es der unabhängigen Friedensbewegung damit, landesweit aus den Räumen der Kirchen herauszutreten und ihre Ideen bei größeren Teilen der Bevölkerung populär zu machen.
Das Symbol etablierte sich zum Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, was die Staatsmacht dazu brachte, dagegen vorzugehen. Wer mit dem Aufnäher angetroffen wurde, musste ihn je nach Freundlichkeit der Polizisten entweder sofort abtrennen, die Jacke herausgeben oder ins Polizeirevier mitkommen, wo nicht selten weitere Schikanen drohten. Viele Jugendliche wurden wegen des Aufnähers von der Schule verwiesen oder von Lehre und Studium ausgeschlossen. Das MfS notierte am 1. August 1982 insgesamt 3.676 Personen mit diesem Aufnäher festgestellt zu haben. Laut einer Schätzung sollen ihn jedoch fast 100.000 Menschen getragen haben.

Literatur:

  • Anke Silomon: „Schwerter zu Pflugscharen“ und die DDR. Die Friedensarbeit der evangelischen Kirchen in der DDR im Rahmen der Friedensekaden 1980-1982. Göttingen 1999.

Weitere Infos:

Bausoldaten

Nachdem 1956 in der Bundesrepublik die Wehrpflicht eingeführt worden war, zog die DDR kurz nach dem Mauerbau 1961 nach. Kirchenvertretern gelang es 1964 beim Staat die Einrichtung eines „Bausoldatendienstes ohne Waffe“ durchzusetzen. Ihr Argument war, dass Menschen, die im Westen – und damit auch in der Bundeswehr – Verwandte hätten, nicht auf sie schießen könnten.

Zahlreiche junge Männer, auch Mitglieder des Friedrichshainer Samariter-Friedenskreises machten von der Möglichkeit des waffenlosen Wehrdienstes Gebrauch. Doch besonders seit Ende der 70er Jahre reichte vielen jungen Menschen diese Form der Verweigerung nicht mehr aus. Bausoldaten wurden nämlich auch in die militärische Planung mit einbezogen und zum Bau militärischer Objekte verpflichtet.
Wer sich der Einberufung zur
Nationalen Volksarmee ganz widersetzte, wurde in der Regel mit zwei Jahren Haft bestraft. Für die Verweigerung des Reservistendienstes gab es neun Monate Haft.

Literatur: Uwe Koch: Bausoldatenkongress. Zivilcourage und Kompromiss, Bausoldaten in der DDR 1964-1990 Potsdam, 3.-5. September 2004.Berlin 2005.

Weitere Infos: http://www.havemann-gesellschaft.de/bausoldaten/gbuch.htm

Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer
Bereits 1982 hatte man in den evangelischen Kirchen der DDR damit begonnen in den sonntäglichen Gottesdiensten der inhaftierten Wehrdiensttotalverweigerer zu gedenken, so auch in der Galiläakirche. Im Herbst 1985 versuchte der Staat letztmalig alle Totalverweigerer der DDR zu disziplinieren und verhaftete ca. 70 junge Männer, darunter einen Mitarbeiter der Offenen Jugendarbeit in Friedrichshain. Allerdings wurden sie nach sechs Wochen wieder entlassen. Wahrscheinlich, da in Genf Abrüstungsverhandlungen begonnen hatten. Der Warschauer Packt drohte als unglaubwürdig zu erscheinen, wenn er währenddessen Wehrdienstverweiger inhaftierte.

Als Folge dieser Verhaftungen gründete sich 1986 der Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer. Diese Vereinigung war regional gegliedert und verstand sich als eine Art solidarische Notgemeinschaft, die aber auch die Entmilitarisierung der Gesellschaft forderte. Die Aktivitäten des Freundeskreises, der auch Kontakte zu Totalverweigerern anderer Länder unterhielt, wurden von der Staatsmacht beobachtet und verfolgt. Dennoch entwickelte sich das Netzwerk bis 1989 zu einer Größe von 17 Gruppen und 24 Regionalvertretern.

Auf der Friedenswerkstatt 1988 schufen Wehrdiensttotalverweigerer aus Ost und West in einer Performance das Denkmal „Dem unbekannten Deserteur“, das sich in den Ausstellungsräumen des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche befindet. Ab 1988 brachte der Freundeskreis auch eine eigene Zeitschrift heraus, die in Anlehnung an das Berühmte Gedicht Wolfgang Borchards: „Sag Nein!“ hieß.

Literatur:

  • Stefan Eschler, Uwe Koch: Zähne hoch, Kopf zusammenbeissen. Dokumente zur Wehrdienstverweigerung in der DDR. Kükenshagen 1995.

Weitere Infos:

  • http://tiltonline.net/tilt/gruppen/fwtv/fwtv.htm
Initiative für einen Sozialen Friedensdienst (SoFd)

Am 9. Mai 1980 waren Vertreter der Offenen Arbeit in Dresden mit einer Kampagne zur Einführung eines sozialen Friedensdienstes (SoFd) in der DDR als Alternative zum Wehrdienst an die Öffentlichkeit getreten. In einem Offenen Brief forderten sie die Landessynoden der evangelischen Kirchen auf, sich für einen solchen Friedensdienst einzusetzen. Diese Brief wurde anlässlich einer Jugendwerkstatt am 24. und 25. Juli auch in der Galiläakirche diskutiert. Bis zum Jahresende erreichten 12 000 Unterschriften die Landessynoden der evangelischen Kirchen in der DDR, die den Vorschlag unterstützten.

Einmalig in der DDR sah sich die SED gezwungen, offiziell auf eine Initiative der unabhängigen Friedensbewegung zu reagieren. Am 21. November 1981 verkündete der Cottbusser SED-Chef Werner Walde auf einer Rede, dass diese Initiative „staats-, verfassungs- und friedensfeindlich“ sei. Die Initiatoren wurden verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Dennoch gelang es ein Verfahren durchzusetzen, in dem junge Männer, die den Wehrdienst total verweigerten, nicht eingezogen wurden. Allerdings hatten diese damit auch ihre Chance auf ein Studium oder eine qualifizierte berufliche Weiterbildung verspielt.

Literatur und Weitere Infos:

  • Roland Brauckmann und Heike Möbius: Die Dresdener Initiative für einen „Sozialen Friedensdienst“. Ein Zeitzeugenbericht in: Horch und Guck 2/2004, S. 42-44. http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2004-2007/heft-46/04611/
Die Umweltbewegung in der DDR/ Tschernobyl
Nach offiziellen Darstellungen gab es bis 1989 keine gravierenden Umweltprobleme in der DDR. Doch weil die Zerstörung der Natur immer deutlicher wahrzunehmen war, ließen sich insbesondere jungen Menschen in den 1980er Jahren nicht mehr von der Informationspolitik des Staates irritieren. Luftverschmutzung in den Chemiebezirken und Großstädten, Baumsterben in den Gebirgsregionen, Wasserverunreinigungen und unkontrollierte Flächenverödung und Chemiemissbrauch in der landwirtschaftlichen Produktion sollten nicht mehr verschwiegen werden. Besonders groß war das Ausmaß der Zerstörung beim Uranbergbau und im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld durch die Chemiewerke sowie im Kohleabbau.

In Berlin-Friedrichshain waren es vor allem die kleinen Freundeskreise und kirchlichen Gruppen, deren Mitglieder seit 1986 auch in der Umweltbibliothek der Zionsgemeinde im Bezirk Berlin-Mitte mitarbeiteten, die diese Zerstörung kritisch beobachteten. Aus der Umweltbibliothek ging im Frühjahr 1988 als Splittergruppe das Grün-Ökologische Netzwerk Arche hervor. Bis zu seinem Aufgehen in die Grüne Partei der DDR im Herbst 1989 entwickelte sich das Netzwerk Arche zu einer vitalen Oppositionsbewegung der DDR mit mutigen und intelligenten Aktionen. Sie gab die Zeitschrift Arche Nova unter dem Schutz der Kirche heraus und wurde in der ganzen DDR von Menschen gelesen, die für Umweltthemen sensibilisiert waren.

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Am 26. April 1986 wurde in einem sowjetischen Kernkraftwerk bei Tschernobyl in der jetztigen Ukraine durch ein fahrlässig durchgeführtes Experiment ein schwerer Reaktorunfall verursacht. Noch heute, nach fast 25 Jahren, gilt das umliegende Gebiet als dauerhaft verseucht. Die Stadt selbst wurde aufgegeben, insgesamt wurden 350 000 Menschen umgesiedelt. Unverantwortlich war die Informationspolitik in der Sowjetunion und der DDR. Sie versuchten die Katastrophe zu verschweigen bzw. klein zu reden und kamen zu spät sowie unzureichend ihrer Informationspflicht nach. DDR-Umweltgruppen protestierten Ende April 1986 gegen die Umwelt- und Informationspolitik der DDR mit dem öffentlichen Aufruf „Tschernobyl ist überall!“.

Am 5. Juni 1986 schrieben Gemeindemitglieder der Samaritergemeinde und ihr Pfarrer Rainer Eppelmann einen Brief an Erich Honecker und forderten ein Umdenken. Ausgehend von einem Zitat des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken und eine neue Politik erforderten, appellierten sie an die Regierung der DDR, ihre Einstellung zur Kernkraftnutzung grundsätzlich zu überdenken und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Unter anderem wurden folgende Punkte vorgeschlagen:

“Die Regierung der DDR unternimmt alle ihr möglichen Schritte, um in der internationalen Energiebehörde daraufhin zu wirken, dass die dortige Zusammenarbeit einschließlich der sofortigen und umfassenden und allgemeinen Informationspflicht bei Havarien deutlich verbessert wird.

Die Einrichtung eines obligatorischen Schulfaches mit dem Ziel, in ihm Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit, des Umweltschutzes und eines neuen verantwortlicheren Lebensstils zu vermitteln.

Nutzung aller Medien, der Zeitungen und Zeitschriften, der Literatur und Kunst, um vor den Risiken der Atomenergie zu warnen und die Bevölkerung auf den geplanten Ausstieg vorzubereiten.“

Hausbesetzungen in Ostberlin - Die Räumung der Mainzer Straße

Nach dem Fall der Mauer 1989 waren in Ostberlin für viele Häuser die Eigentumsverhältnisse ungeklärt. Ganze Straßenzüge standen leer, während in Westberlin Mangel an Wohnraum herrschte. Nachdem im Dezember 1989 die Bewohner des Hauses Schönhauser Allee 20 in Prenzlauer Berg durch Transparente ihre Besetzung öffentlich machten, kam es in der Folgezeit zu einer Vielzahl von Besetzungen, in den Innenstadtbezirken. Im Sommer 1990 gab es in Ostberlin über 100 solcher Hausprojekte. Nach Aufrufen von Ostberliner Hausbesetzern und in der autonomen Westberliner Zeitschrift Interim besetzten vor allem Westberliner Linksalternative während einer 1. Mai-Demonstration Häuser in der Mainzer Straße. Die zwischen 1987 und 1989 entmieteten Wohnungen sollten ursprünglich zugunsten von Neubauten abgerissen werden. Insgesamt wurden dort 12 Häuser, darunter 10 zusammenstehende besetzt. Volkspolizei und zuständige Behörden unternahmen nichts dagegen und die kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) sicherte zunächst sogar ein zeitweiliges Verbleiben zu und bot Interessenten weitere leerstehende Wohnungen an.

Die Besetzer begannen die Wohnungen instand zu setzen und lösten durch Herausreißen von Wänden und dem Einbau von Gemeinschaftsküchen traditionelle Wohnstrukturen auf. Um die Hausprojekte herum bildete sich bald eine rege kulturelle und politische Szene. Es gab verschiedene Kneipen, Spätverkaufsstellen, Veranstaltungs- und Bandproberäume, Kinos und sogenannte „Volxküchen“, in denen auch für die Nachbarschaft günstig warmes Essen abgegeben wurde. Allerdings stießen die Besetzer mit ihrem Lebensstil auch auf Missfallen der Anwohner, die sich über Unordnung und Lärmbelästigung beklagten. Besonders nachdem die Mainzer Straße und andere linke Hausprojekte in Friedrichshain wiederholt von Neonazi-Gruppen angegriffen wurde und sich die Besetzer massiv zur Wehr setzten, nahmen die Solidaritätsbekundungen ab. Es gründete sich eine „Bürgerinitiative Mainzer Straße“, die für die Räumung der besetzten Häuser eintrat.

Am 24. Juli wurde die „Berliner Linie“, die 1981 in Westberlin entwickelt worden war, auch auf den Ostteil der Stadt übertragen. Ab dem Stichtag des 24. Juli 1990 sollten neu besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden geräumt werden, den anderen Häusern hingegen Verträge angeboten werden. Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober erlangte der Westberliner Senat auch politische und polizeiliche Hoheit über Ostberlin. Der damalige Westberliner Polizeipräsident Georg Schertz forderte ein härteres Durchgreifen gegen Hausbesetzer.

Die Räumung von drei nach dem 24. Juli besetzten Häuser in Lichtenberg und in Prenzlauer Berg am Morgen des 12. November 1990 war Auslöser für die Räumung in der Mainzer Straße. Gegen Mittag schlossen sich ca. 50 Besetzer der Mainzer Straße spontan zu einer Demonstration für die geräumten Häuser auf der Frankfurter Allee zusammen und errichteten Barrikaden. Die Polizei ging massiv mit zeitweilig 1500 Einsatzkräften, Wasserwerfern und Tränengas gegen die etwa 500 bis 600 Besetzer vor. Weitere Barrikaden wurden errichtet, ein vor der Einfahrt zur Mainzer Straße stehen gebliebener Straßenbahnwagen entgleist. Nach Aussage des damaligen Koalitionspartners des rot-grünen Senats Alternative Liste (heute Bündnis 90/Die Grünen), versprach der Regierende Bürgermeister Walter Momper, die besetzten Häuser in der Mainzer Straße nicht ohne deren vorherige Zustimmung zu räumen. Dennoch wurden Polizeikräfte aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin geordert. Am Morgen des 14. November wurde das Gebiet der Mainzer Straße weiträumig abgeriegelt. Bemühungen von DDR-Basisgruppen wie das Neue Forum, aber auch von Bezirksbürgermeister Mendiburu, eine Verhandlungslösung zu finden, scheiterten. Eine Menschenkette von Bürgerrechtlern an der Einmündung der Mainzer zur Boxhagener Straße versuchte ein Vorrücken der Polizei zu verhindern und wurde von der anrückenden Polizei abgedrängt.

Mit Unterstützung von Wasserwerfern und Tränengas wurden die Barrikaden aufgebrochen, die besetzten Häuser umstellt und teilweise über Dächer in sie eingedrungen. Bei den Kämpfen wurden zahlreiche Menschen verletzt, 417 Personen festgenommen, darunter auch Abgeordnete. Am späten Nachmittag des 14. November startete eine spontane Demonstration zum Roten Rathaus mit über 10.000 Teilnehmern, die gegen die Räumung protestierten. Nach der Räumung wurden die Wohnungen der Besetzer ausgeräumt, die Straße gesperrt und auch in den folgenden Monaten von Polizei bewacht. Zwei Tage nach der Räumung kündigte die Alternative Liste aus Protest gegen die Räumung die rot-grüne Koalition mit der SPD.

Für die Hausbesetzerbewegung war die Räumung der Mainzer Straße, die bereits kurze Zeit danach vollständig saniert wurde, ein tiefer Einschnitt. Sie markiert den Beginn einer neuen, weniger konfrontativen Politik in Berlin. In den Folgejahren kam es zu weiteren Räumungen, aber auch zu verschiedenen Legalisierungsmodellen, durch die alternative Lebensmodelle weiter existieren konnten.

Literatur:

  • Berlin Mainzer Straße. Wohnenit wichtiger als das Gesetz. Berlin 1992.

Weitere Infos:

  • http://umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/141190mainzer_strasse.html

Bild- und Texttafeln sowie originale Ausstellungstücke, zunehmend auch Bild- und Tondokumente ermöglichen entlang der Themen einen Einblick in die Lebenswelt widerständiger Jugendlicher in der DDR. Heute sind die Jugendlichen von damals Eltern oder Großeltern und können als Zeitzeug*innen von damals berichten.
Besonders die junge Generation von heute erhält so interessante Einblicke in die schwierigen Lebenswelten widerständiger Jugendlicher in der DDR.


“Herr Keuner sagt nein” – mit dem Schwerpunkt auf Friedrichshain und Berlin Ost zum Widerstand von Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus

Heute,

in einer Zeit, in der sich viele ihrer Freiheitsrechte gar nicht mehr richtig bewusst sind, ein selbst ernannter „nationalsozialistischer Untergrund“ Staatsbeamte und Minderheitensprecher*Innen bedroht, in der Rassismus und Antisemitismus wieder sagbar und Zuwanderer weiterhin sozial ausgegrenzt werden, sind es die Beispiele des Widerstands gegen die NS-Diktatur, die uns zur aktiven Auseinandersetzung mit der Gegenwart aufzurufen.

Unsere Dauerausstellung zeigt Facetten des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus mit einem Schwerpunkt auf Friedrichshain und den Berliner Osten. Das Spektrum reicht vom Widerstand aus der Arbeiterbewegung und der Bekennenden Kirche bis zur jüdischen Gruppe um Herbert Baum und der „Roten Kapelle“, sowie von Pazifisten, Zeugen Jehovas und ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Rütli-Schule. Die Wahl der Mittel des Widerstandes reichte vom Verteilen von Flugblättern bis hin zu Brandanschlägen und Spionage für die Sowjetunion. Die Konsequenzen für die wenigen Mutigen, deren Handeln die Ausstellung dokumentiert, waren in den meisten Fällen ähnlich: Folter, lange Haftstrafen und Tod.

Berlin – Sorgenkind der Naziführung

Bei den Terrorwahlen vom März 1933 erzielte die NSDAP im Wahlkreis Berlin-Innenstadt mit 31,3 Prozent ihr reichsweit zweitschlechtestes Ergebnis. Noch im August 1934 stimmten in Berlin bei einer Volksabstimmung knapp eine halbe Million Berliner und Berlinerinnen mit Nein, 75.000 Stimmzettel waren ungültig.

Die Gestapo beklagte intern im März 1936: „Man kann sich tagelang in Berlin aufhalten, ohne den deutschen Gruß zu hören, es sei denn von Beamten.“

Ein Jahr später charakterisierte der Reichsführer SS die Reichshauptstadt als einen von fünf „ständigen Unruheherden“ (neben Hamburg und Städten im Ruhrgebiet).

Flash Mob und Flyer

Üblicherweise mussten sich Widerstandsgruppen damit begnügen, Präsenz zu zeigen, zu beweisen, dass es sie im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung überhaupt noch gab, und im besten Fall durch die Herstellung einer sehr begrenzten Gegenöffentlichkeit zu wirken. Manche dieser Aktionen muten heute naiv an, sind aber im Kontext eines Regimes zu sehen, das keinerlei Abweichung duldete. Eine Spezialität des Berliner Ostens waren sogenannte Blitzdemonstrationen (heute würden wir flash mob sagen): auf einer belebten Straße mischten sich Widerständler unter die Leute, entrollten auf einen Pfiff hin eine rote Fahne und riefen ein paar Mal im Sprechchor Parolen, bevor sie genauso schnell wieder in der Menge verschwanden. Ein letztes Mal wurde auf diese Weise im Herbst 1934 vor der NS-Gauleitung in Neukölln demonstriert.

Außer solchen Aktionen wurden neben illegalen Zeitungen vor allem Graffiti und Klebezettel eingesetzt. Dabei war die Absicherung der Aktion oftmals unglaublich aufwendig. Die Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle klebten ihre Propagandazettel als Liebespaare getarnt. Besonders nach der Verschärfung des Terrors in Kriegszeiten gab es nur noch sehr kleine Widerstandsgruppen von 4-6 Personen, von denen höchstens einer mit anderen Gruppen in Verbindung stand.

Andere Widerstandsaktionen, die oft die Sache von ganz unpolitischen Menschen war und von ihnen gar nicht als Widerstand wahrgenommen wurden, war die Hilfe für Untergetauchte, Juden, geflohene Zwangsarbeiter oder politisch Verfolgte. Der damals 18jährige Hans Rosenthal, der spätere bekannte Entertainer und Regisseur beim deutschen Fernsehen, wurde 1943-1945 in einer Laubenkolonie in Lichtenberg versteckt.

Folgende Texttafeln der Ausstellung “Herr Keuner sagt nein” sind im Museum ausgestellt:

Nationalsozialismus – Ideologie und Wirklichkeit

Als Reichspräsident Hindenburg 1933 Adolf Hitler die Regierung übergab, begann für Deutschland und dann ab 1939 auch für weite Teile Europas eine Terrorherrschaft, deren Dimension bis heute beispiellos erscheint und daher nicht leicht zu fassen ist. Die 1919/20 gegründete NSDAP besaß eine Reihe von meist von Hitler selbst formulierten politischen Vorstellungen, die sich gegenseitig ergänzten und potenzierten:

  • Radikaler Nationalismus

Nur Deutschland und die Deutschen zählen international. Kampf gegen das „Versailler Diktat“ und Rückgewinnung der alten Großmachtstellung. Kulturell gegen jeden angeblichen nichtdeutschen Einfluss („Kulturbolschewismus“). Deutsche Sitten, deutsche Trachten, deutsche Bücher, deutsche Musik („Der Walzer erwacht, die Neger entfliehn.“).

  • Absolute Herrschaft von Staat und Partei

Abschaffung jeder demokratischen Mitwirkung, keine konkurrierenden Parteien oder Gruppen. Abschaffung aller rechtlichen Sicherungen („Recht ist, was dem Volk nützt.“). Volle staatliche Gewaltmittel gegen Widerstand, Andersdenkende und Abweichler.

  • Führerprinzip und Militarisierung der Gesellschaft

Befehl und Gehorsam nur von oben nach unten nach militärischem Muster. Die Gesellschaft setzt sich zusammen aus Führern und Gefolgschaften in allen Lebensbereichen. Vom obersten Führer Adolf Hitler geht jede Gewalt aus.

  • Entindividualisierung

Die sogenannte Volksgemeinschaft hat immer recht gegenüber dem Einzelnen und seinen Lebensäußerungen und Bedürfnissen („Du bist nichts, dein Volk ist alles.“). In der Konsequenz waren nicht einmal Gesundheit und Lebensrecht des Einzelnen geschützt.

  • Antiaufklärung und extremer gesellschaftlicher Konservativismus

Veränderung in den Besitzverhältnissen oder in der Sozialstruktur sind tabu. Frauen ins Haus. Sozialismus, Kommunismus und alle anderen Vertreter einer sozialen Veränderung sind Instrumente der „jüdischen Weltverschwörung“ gegen Deutschland.

  • Radikaler Rassismus

Die menschliche „Rassen“ haben unterschiedliche Werte, ganz oben stehen die „Arier“ (Skandinavier, Deutsche), ganz unten Juden, Slawen, Schwarzafrikaner. Gegen jede Vermischung der „Rassen“. Kampf besonders gegen Juden als angeblich arierfeindliche „Rasse“. Sinti und Roma galten anfangs als besonders hochwertige Arier und wurden dann von heute auf morgen zur minderwertigen Rasse erklärt und verfolgt!

Daraus ergaben sich die folgenden politischen Ziele für die Nationalsozialisten. Die brisanteren dieser Ziele wurden in der Öffentlichkeit nicht diskutiert oder blieben sogar geheim, obwohl sie (wie der Lebensraum im Osten) in Hitlers „Mein Kampf“ längst angelegt waren:

  • Durchsetzung der absoluten Herrschaft nach innen

Brutale Unterwerfung aller nicht kompromissbereiten Gegner (Sozialisten, Kommunisten, radikale Demokraten, christliche Freikirchler), ihre Ermordung oder dauerhafte Inhaftierung. Verständigung mit kompromissbereiten gesellschaftlichen Gruppen (Deutschnationale, Konservative, Industrielle und Hochfinanz, Adel, Militär, z.T. Kirchenführungen).

  • Säuberung des deutschen Volkskörpers von unerwünschten Elementen („Fremdrassige“,  „Minderwertige“).

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden, ihre Abschiebung aus Deutschland, dann aus Europa, ab 1942 (Wannsee-Konferenz) ihre systematische gewaltsame Ausrottung. Vernichtung nichtarbeitsfähiger Behinderter, Sterilisierung der arbeitsfähigen, um „erbkranke“ Nachkommen zu verhindern.

  • Aufrüstung und neue Großmachtstellung Deutschlands

Brechung des sogenannten „Versailler Diktats“. Aufrüstung und Steigerung der Wehrkraft mit allen Mitteln (z.B. auch durch Geburtenboom). Neue Großmachtstellung für Deutschland. Sammlung aller Deutschen unter Hitlers Herrschaft. Dominanz Deutschlands in Europa.

  • Lebensraum im Osten für das „Volk ohne Raum“

Militärische Zerschlagung der Sowjetunion. „Säuberung“ ihrer Westgebiete bis zum Ural durch Vertreibung oder physische Vernichtung ihrer Einwohner („slawische Untermenschen“).Endziel Kolonisierung dieser Gebiete durch Deutsche.

Nationalsozialismus – „Wir sind Pimpfe. Was wollen wir werden ? Soldaten !“

Wie alle faschistischen Regimes in Europa nahm der Nationalsozialismus in Anspruch, die Revolte der jüngeren Generation gegen das bisherige politische und gesellschaftliche System zu verkörpern.

Die Nazis übernahmen für ihre Jugendorganisationen die Maxime der Wandervogel-Bewegung und der Bündischen Jugend: Jugend führt Jugend. Der erste Reichsführer der HJ, Baldur von Schirach, war 1933 erst 26 Jahre alt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass selbstverständlich auch in der Hitlerjugend (HJ) und in ihrer weiblichen Paralellelorgansation, dem Bund deutscher Mädel (BDM), das Führerprinzip uneingeschränkt galt, und dass ihre Ziele und Aufgaben strikt von oben vorgegeben waren.

HJ und BDM bekamen das Monopol zur Organisation der deutschen Kinder und Jugendlichen. Die Jugendverbände konkurrierender politischer Parteien waren selbstverständlich sofort aufgelöst worden, bis 1938 wurden letzte unpolitische und kirchliche Gruppen verboten. 1939 wurde die Mitgliedschaft in HJ oder BDM obligatorisch. Nur wer krank war oder zur falschen „Rasse“ gehörte, blieb draußen. Gegen Ende des Krieges war die HJ auf diese Weise mit 8,7 Millionen Mitgliedern zur größten Jugendorganisation der Welt angewachsen, der BDM auf 4,5 Millionen. Beide Organisationen erfassten Kinder und Jugendliche vom 10. bis zum 18.Lebensjahr. Jungen sollten dann nahtlos in den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht übergehen.

Die Freizeitgestaltung der Hitlerjungen bestand aus politischer Indoktrination, Sport (besonders Boxen), vormilitärischem Drill und den überaus attraktiven Fahrten und Geländespielen. Ähnlich wie bei KdF ermöglichten die Jugendorganisationen zahlreichen Jugendlichen, ihre Freizeit abseits von Familie und Schule zu verbringen. Allerdings nur mit dem einen Sinn, junge Menschen in bedingungslos einsetzbare Kämpfer für Hitler und die NSDAP zu verwandeln. Sonderorganisationen wie Marine-HJ, Reiter-HJ und Flieger-HJ oder die Sanitätsausbildung beim BDM zeigten, wohin die Reise ging.

Was das im Ernstfall bedeutete, zeigte die Kriegszeit. Zwischen 1943 bis 1945 sind etwa 200.000 Jungen ab 16 Jahren als sogenannte Flakhelfer (Luftwaffenhelfer) herangezogen worden. Opferzahlen sind nicht bekannt, dürften aber sehr hoch gewesen sein.

Im Herbst 1943 wurde schließlich eine ganze SS-Panzerdivision aus der Hitlerjugend aufgestellt. Von den eingesetzten 21.000 schlecht ausgebildeten und bewaffneten Hitlerjungen zwischen 16 und 18 Jahren waren ein Jahr später 9000 gefallen oder schwer verwundet. Ab Oktober 1944 wurden 16jährige in die Einheiten des neugebildeten Volkssturms eingegliedert, doch dienten in den letzten Kriegstagen noch jüngere Hitlerjungen als Meldegänger und Panzerfaustschützen.

Indoktrination und Propaganda waren aber nicht nur Sache der Jugendorganisationen. Die wertvolle unveröffentliche Schulchronik der Friedrichshainer 3.Gemeindeschule (Petersburger Straße 4) führt minutiös die Filmaufführungen, Vorträge und Feierstunden auf, die ab April 1933 oft mehrmals in der Woche auf Kinder und Jugendliche einprasselten. Sofort nach Kriegsbeginn kamen andere Einschränkungen hinzu. Die selbe Schulchronik berichtet, dass schon im Januar 1940 der Unterricht wegen akutem Kohlenmangel auf eine Stunde jeden zweiten Tag reduziert werden musste.

Mit dem Krieg verwischte sich generell die Grenze zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Ab 1939 konnte gegen 16jährige das Erwachsenenstrafrecht angewandt werden, ab 1943 galten schon 12jährige als strafmündig, wenn es NS-Richtern beliebte.

Nach einer Idee Reinhard Heydrichs wurde 1940 angeblich zur Ergänzung bestehender Jugendfürsorgeeinrichtungen ein „polizeiliches Jugendschutzlager“ im niedersächsischen Moringen für Jungen im Alter von etwa 12-22 Jahren eingerichtet. 1942 folgte das Jugend-KZ Uckermark für Mädchen. Sozial oder politisch auffällig gewordene junge Menschen waren hier Zwangsarbeit, Hunger und drakonischen Erziehungsmaßnahmen ausgesetzt.

Der berüchtigte Nazi-Arzt Robert Ritter versuchte in Moringen mit Menschenversuchen an den inhaftierten Jungen seine Thesen von der Erblichkeit der „Asozialität“ zu beweisen. Viele der Eingesperrten wurden auf der Grundlage seiner Gutachten zwangssterilisiert.

Das hieß aber nicht, dass Jugendlichen vor diesem Zeitpunkt das KZ fremd gewesen wäre. Nach Eugen Kogons Bericht vegetierten im KZ Buchenwald 1945 kurz vor der Befreiung 877 Kinder und Jugendliche.

Nationalsozialismus – Terror und Kraft durch Freude

Der deutsche Nationalsozialismus begann und endete mit brutalem Terror. Terror begleitete ihn während seiner gesamten Existenz.

Dazu ein paar dürre Zahlen:

1939, noch vor Kriegsbeginn, waren 800.000 politische Gegner der Nazis in Gefängnissen und KZs eingesperrt, ein Prozent der Bevölkerung. Drei Millionen Deutsche haben insgesamt 1933-1945 als politische Gefangene das KZ-System durchlaufen.

Nur aufgrund von Gerichtsurteilen, also formal legal, wurden im selben Zeitraum mindestens 32.000 Menschen hingerichtet. Rechnet man das um auf die relativ kurze Zeitdauer der Existenz der Nazi-Herrschaft, kommt man auf über 8 Hinrichtungen pro Tag.

Die Zahlen sagen selbstverständlich nichts aus über den fast alltäglichen Mord an politisch Missliebigen, an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen oder den industriell betriebenen Judenmord.

Schon die Machtübernahme der Hitler-Regierung war begleitet vom Terror gegen Andersdenkende.

Führende politische Gegner wurden von Stoßtrupps der SA überfallen, oft tagelang geprügelt und gefoltert und schließlich – falls sie überlebten – in „Schutzhaft“ genommen, wie das die Nazi-Behörden zynisch nannten.

1933/34 war die Zeit der berüchtigten „wilden“, dh. improvisierten KZ´s“, von denen es in Berlin allein etwa 150 gegeben hat. Manche existierten nur wenige Tage, andere monatelang.

Hier terrorisierten lokale und regionale Nazi-Führer ihre Gegner, nicht selten auch solche, mit denen sie private Probleme gehabt hatten.

Die Reaktionen im Arbeiterviertel Fredrichshain waren – wie auch sonst in Deutschland – zwiespältig. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit war groß (Friedrichshain 1933: 34,8 Prozent), nicht weniger die vor Denunziation. Die Arbeiterparteien SPD und KPD, die im November 1932 zusammen zwei Drittel der Stimmen erhalten hatten, waren zerstritten wie nie zuvor.

Dennoch schlug der NSDAP vor allem aus der Arbeiterschaft über Jahre die Ablehnung einer starken Minderheit entgegen. Betriebsratswahlen bei Osram und im Kaufhaus Tietz (Frankfurter Alle 5/6) zeigten noch 1934/35 etwa 10 Prozent Nein-Stimmen für die NS-Liste.

Die Nazis setzten neben dem Terror eine massive Propaganda ein, wie sie Deutschland bis dahin noch nicht gekannt hatte, und bald auch positive Anreize wie die im November 1933 gegründete Organisation Kraft durch Freude.

Die Nazi-Propaganda bediente sich dabei der modernsten Kommunikationsmittel ihrer Zeit wie Film, Rundfunk, Massenaufmärsche und Flugzeuge. Ihr Stil, laut, aggressiv, monoton, hämmernd, unterschied sich radikal von der oft staubtrockenen Darstellung der Regierungspolitik der Weimarer Zeit. Dieser Stil kam zugleich den primitiven Aussagen der Nazi-Ideologie entgegen.

Die Propaganda der NSDAP konnte aber auch an die deutschnationale, militaristische und revanchistische Erziehung andocken, die die meisten Deutschen ungebrochen auch während der Republik bekommen hatten. Setzt man schließlich noch bei vielen einen latenten Antisemitismus voraus, dann waren die „neuen“ Themen der NSDAP gar nicht so neu.

Kraft durch Freude, finanziert durch kleine Mitgliedsbeiträge und den massiven Einsatz ehrenamtlicher Helfer, ermöglichte bis 1938 über 38 Millionen Deutschen den Besuch von Theateraufführungen, Konzerten, Kunstausstellungen, Vorträgen, den Besuch der Olympiade und Urlaubsfahrten.

Zur „Wohlfühldiktatur“ (Götz Aly) wurde das Hitler-Reich endgültig mit dem, was die Propaganda als Erfolge verkaufen konnte, die Senkung der Arbeitslosigkeit, die Wiederbewaffnung, die Olympiade 1936 und die lange Zeit scheinbar mühelos errungenen außenpolitischen Erfolge.

Man weiß heute, dass Hitlers Beliebheit ihre Höhepunkte nach diesen außenpolitischen Erfolgen erreichte, nach der Annexion Österreichs im März 1938, nach der Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 (Münchner Abkommen) und nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940.

Erst der Überfall auf die Sowjetunion löste bei vielen Menschen Besorgnis aus, die sich mit den kaum zu kaschierenden Misserfolgen im Osten steigerte. Und nach der Schlacht von Stalingrad konnte keine noch so geschickte Propaganda der sich dauernd verschlechternden Stimmung mehr abhelfen.

Nationalsozialismus – Aspekte und Methoden des Widerstands

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in seinem Ursprungsland musste unter viel schwierigeren Bedingungen arbeiten als in den von deutschen Truppen besetzten Ländern, wo eine Bevölkerungsmehrheit den Widerstandsbewegungen wenigstens mit Sympathie gegenüberstand. Abgesehen von den Edelweißpiraten am Niederrhein und der Swing-Jugend in Hamburg gab es keinen eigentlichen Jugendwiderstand: im Widerstand arbeiteten die Generationen zusammen.

Die deutsche Widerstandsbewegung durchlief in den zwölf Jahren der Hitler-Diktatur drei Phasen. In einer ersten Phase 1933/35 waren die Reste der linken und demokratischen Parteien der Republik aktive Träger des Kampfes. Der Widerstand bewegte sich trotz Terror noch in vertrautem Gebiet. geheime Anlaufstellen und Verstecke waren vielfach noch unentdeckt, auch wenn die Parteiführungen durch Razzien bereits ausgeschaltet waren. In vielen Gebieten war noch eine Restsolidarität von bisherigen Anhängern vorhanden, während andererseits der Spitzelapparat der Nazis noch nicht ganz ausgebaut war.

Ab 1934 konsolidierte sich das Regime durch innen- und außenpolitische Erfolge. Es gelang mehr und mehr, organisierte Widerstandsgruppen zu zerschlagen, die sich jetzt auch in einer zunehmend feindlichen Umgebung bewegen mussten. Ab 1938/39 verschärfte sich die Situation weiter, als mit dem Fall von Österreich und der Tschechoslowakei wertvolle letzte Rückzugsgebiete verschwanden. Der Widerstand in dieser Zeit wurde teilweise von überlebenden Parteimitgliedern in oft erschreckend kleiner Zahl getragen, aber jetzt auch vielfach von bürgerlichen, christlichen und konservativen Männern und Frauen. Nach dem 20.Juli 1944 intensivierte sich der Terror ein letztes Mal.

Berlin blieb immer ein Sorgenkind der Naziführung. Bei den Terrorwahlen vom März 1933 erzielte die NSDAP im Wahlkreis Berlin-Innenstadt mit 31,3 Prozent ihr reichsweit zweitschlechtestes Ergebnis. Noch im August 1934 stimmten in Berlin bei einer Volksabstimmung 494.359 Berliner und Berlinerinnen mit Nein, 75.000 Stimmzettel waren ungültig.

Die Gestapo beklagte intern im März 1936: „Man kann sich tagelang in Berlin aufhalten, ohne den deutschen Gruß zu hören, es sei denn von Beamten.“

Ein Jahr später charakterisierte der Reichsführer SS die Reichshauptstadt als einen von fünf „ständigen Unruheherden“ (neben Hamburg und Städten im Ruhrgebiet).

Der deutsche Widerstand hat ein breites Spektrum von Aktivitäten hervorgebracht, von der illegalen Bildungsarbeit unter den Mitgliedern einer Gruppe bis hin zu gewaltsamen Aktionen wie den Attentaten auf Hitler von Georg Elser 1939 oder den Offizieren des 20.Juli 1944. Angesichts der massiven Präsenz der Partei, ihrer Brutalität und ihrer Nutzung sämtlicher staatlicher Sicherheitsorgane verboten sich gewaltsame oder allzu spektakuläre Aktionen oft von selbst. Wenn etwa der KPD-Führer Walter Ulbricht bei einem illegalen Treffen in der Tschechoslowakei seinen deutschen Genossen noch 1936 einen Streik vorschlug, konnte die Antwort nur lauten „Walter, du spinnst ja.“

Üblicherweise mussten sich Widerstandsgruppen damit begnügen, Präsenz zu zeigen, zu beweisen, dass es sie im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung überhaupt noch gab, und im besten Fall durch die Herstellung einer sehr begrenzten Gegenöffentlichkeit zu wirken. Manche dieser Aktionen muten heute naiv an, sind aber im Kontext eines Regimes zu sehen, das keinerlei Abweichung duldete. Eine Spezialität des Berliner Ostens waren sogenannte Blitzdemonstrationen (heute würden wir flash mob sagen): auf einer belebten Straße mischten sich Widerständler unter die Leute, entrollten auf einen Pfiff hin eine rote Fahne und riefen ein paar Mal im Sprechchor Parolen, bevor sie genauso schnell wieder in der Menge verschwanden. Ein letztes Mal wurde auf diese Weise im Herbst 1934 vor der NS-Gauleitung (!) in Neukölln demonstriert.

Außer solchen Aktionen wurden neben illegalen Zeitungen vor allem Graffiti und Klebezettel eingesetzt. Dabei war die Absicherung der Aktion oftmals unglaublich aufwendig. Die Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle klebten ihre Propagandazettel als Liebespaare getarnt. Besonders nach der Verschärfung des Terrors in Kriegszeiten gab es nur noch sehr kleine Widerstandsgruppen von 4-6 Personen, von denen höchstens einer mit anderen Gruppen in Verbindung stand.

Andere Widerstandsaktionen, die oft die Sache von ganz unpolitischen Menschen war und von ihnen gar nicht als Widerstand wahrgenommen wurden, war die Hilfe für Untergetauchte, Juden, geflohene Zwangsarbeiter oder politisch Verfolgte. Der damals 18jährige Hans Rosenthal, der spätere bekannte Entertainer und Regisseur beim deutschen Fernsehen, wurde 1943-1945 in einer Laubenkolonie in Lichtenberg versteckt.

Nationalsozialismus – Die Gruppe Herbert Baum. Jüdischer Widerstand in Berlin

Eine beschauliche Parallelstraße der Karl-Marx-Allee wurde im Jahr 1957 nach der jungen Berlinerin Hildegard Jadamowitz benannt.

Hildegard Jadamowitz selbst führte alles andere als ein beschauliches Leben. 1916 in einer jüdischen Familie geboren, besuchte sie die Rütli-Schule in Neukölln und trat 1931 dem Kommunistischen Jugendverband bei. Sie arbeitete als Fabrikarbeiterin und ließ sich daneben in Abendkursen zur Röntgenassistentin ausbilden, einem der modernsten Frauenberufe ihrer Zeit überhaupt. Schon 1936 wurde sie wegen einer Flugblattaktion kurzzeitig inhaftiert. Wieder frei versorgte sie als Arzthelferin an ihrer Praxis in Tegel, Verfolgte mit Geld, Lebensmitteln und Medikamenten und beteiligte sich an Sabotageakten. Am 18. August 1942 wurde sie mit 26 Jahren als Widerstandskämpferin hingerichtet.

Jadamowitz gehörte im Widerstand zu der Gruppe um den Elektriker Herbert Baum (1912-1942), die sich aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Linkszionisten und Angehörigen aufgelöster jüdischer Wandergruppen zusammensetzte. Fast alle dieser fast 100 junge Menschen umfassenden Gruppe waren jüdischer Herkunft, auch wenn das Judentum für jeden von ihnen eine andere Rolle spielte.

Anders als in Osteuropa, wo der bewaffnete jüdische Widerstand gegen die Nazi-Invasoren gut bekannt und gut dokumentiert ist, ist der jüdische Widerstand in Deutschland lange Zeit überhaupt nicht wahrgenommen worden. Erst die Ausstellung „Juden im Widerstand“ 2000 hat ihn weiter bekannt gemacht. Jüdischer Widerstand in Deutschland hatte im Osten wie im Westen gegen grundsätzlich andere Konzepte zu kämpfen. In der DDR überlagerte nicht nur im Falle der Baum-Gruppe eine linke oder sogar kommunistische Orientierung all anderen Motivationen. Für den Westen stand noch immer das Bild des armen „hilflosen Juden“ im Vordergrund, der sich willenlos und ohne Gegenwehr nach Auschwitz führen ließ. Ein Konzept, das der NS-Ideologie entstammte, verband sich hier mit dem zionistischen Grundgedanken, dass es keine Hoffnung für Juden abseits von der Auswanderung nach Palästina/ Israel gibt.

Gruppen wie die religiös-zionistische Chug Chaluzi (Pionierkreis) um Jizchak Schwersenz und Gad Beck, die 1943/44 untergetauchten jungen Juden bei Überleben und Flucht halfen, passten hier ebenso wenig wie die Gruppe um Baum.

Die Gruppe um Baum betrieb intern politische Schulungsarbeit und trat nach außen durch Flugblätter in Erscheinung. Baum, seit 1940 selbst Zwangsarbeiter bei Siemens & Schuckert, und andere Gruppenmitglieder unterstützten ab 1941 jüdische Zwangsarbeiter und halfen Juden beim Untertauchen, um sie vor der Deportation zu bewahren.

Am bekanntesten wurde die Gruppe durch ihre spektakulärste Aktion, die Brandstiftung auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ am 18. Mai 1942. Diese antikommunistische und stark rassistisch gefärbte Ausstellung im Berliner Lustgarten direkt vor dem Dom zeigte ua. ein angeblich aus der Sowjetunion stammendes primitives Höhlendorf, das tatsächlich von Häftlingen des KZ Sachsenhausen angefertigt worden war.

Es gab einigen Sachschaden und elf Leichtverletzte, nicht genug, dass die Ausstellung hätte geschlossen werden müssen. Die Wirkung bis in die Kreise der NS-Führung hinein war aber ungleich stärker, wie wir aus Goebbels’ Tagebüchern wissen.

Nur Tage darauf wurden die meisten Mitglieder der Gruppen durch Denunziation gefasst. In einer Wohnung an der Ecke Andreasstraße/ Lange Straße versteckten sich drei Gruppenmitglieder noch ein paar Tage länger. Baum starb im Gefängnis, wahrscheinlich an den Folgen der Folter, über 30 andere Mitglieder wurden in Plötzensee enthauptet. Etwa 50 weitere Widerstandskämpfer wurden zu Haftstrafen verurteilt, aber, sofern sie Juden waren, nach kurzer Zeit nach Auschwitz deportiert. Nur wenigen gelang die Flucht.

Auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee wird auf einer Gedenktafel an 27 hingerichtete Mitglieder der Gruppe erinnert. Der Gedenkstein im Lustgarten trägt seit 2000 eine veränderte Inschrift, die die Worte „Verbundenheit mit der Sowjetunion“ unlesbar macht.

Nationalsozialismus – „Krieg, Hunger, Lüge, Gestapo. Wie lange noch ?“: Die „Rote Kapelle“ und Die Brüder Küchenmeister

Wenige deutsche Widerstandsgruppen sind so gründlich und so hartnäckig missverstanden worden die sogenannte Rote Kapelle. Der Name war eine Fahndungsbezeichnung der Gestapo: Kapelle stammt aus dem Geheimdienstjargon und bezeichnet einen Agentenstützpunkt mit mehreren Sendern, Rot sollte natürlich auf eine kommunistische Orientierung hindeuten.

Doch war die Rote Kapelle weder eine ausschließlich kommunistische Organisation noch eine Spionagegruppe. Sie war ein weitverbreitetes Netzwerk von konspirativen Kleingruppen von 5-6 Personen mit Schwerpunkt in Berlin mit Kontakten bis ins besetzte Brüssel, zur kommunistischen Widerstandsgruppe Bästlein in Hamburg und zum Kreisauer Kreis. Über 150 Nazigegner arbeiteten hier lose und weitgehend unabhängig voneinander zusammen, davon über 60 Frauen. Es gab darunter Kommunisten, Sozialisten, Demokraten, Christen und Unpolitische, die ein Gedanke zusammenhielt: Hitler muss weg. Einigermaßen verbindliche Hauptziele waren die schnelle Beendigung des Krieges und eine Verständigung mit der Sowjetunion, um Deutschland als unabhängigen Staat zu erhalten.

Ein Funkgerät wurde nur in Brüssel von der Gruppe um Leopold Trepper benutzt, der tatsächlich ein Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes war. Ein zweiter Sender, den Mitarbeiter der Sowjetbotschaft der Berliner Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen überlassen hatten, war schadhaft und hat nie funktioniert.

Die ersten Zellen des Netzwerks waren 1939 um den Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen (1909-1942) und den Juristen Arvid Harnack (1901-1943) entstanden. 1940/41 kontaktierten beide die sowjetische Botschaft in Berlin, um die Russen vor dem bevorstehenden Angriff Nazideutschlands zu warnen, von dem Schulze-Boysen dienstlich erfahren hatte.

1940/42 verfassten Mitglieder der Organisation mehrere illegale Schriften, verteilten Flugblätter, vervielfältigten und verbreiteten regimekritische Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Schulze-Boysens Ehefrau Libertas (1913-1942) dokumentierte nationalsozialistische Gewaltverbrechen an der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete, insbesondere in der Sowjetunion. Besonders bekannt wurden die rund 1000 Klebezettel, die Angehörige der Roten Kapelle aus Protest gegen die im Mai 1942 in Berlin eröffnete nationalsozialistische Hetzausstellung „Das Sowjetparadies“ in U-Bahnabgängen und ähnlichen dunklen Winkeln anbrachten. Das Datum der Aktion, der 17. Mai, also einen Tag vor dem Brandanschlag der Baum-Gruppe auf die Ausstellung, brachte die Naziführung auf den Gedanken einer umfassenden Verschwörung.

Ein Übermittlungsfehler des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes brachte die deutschen Behörden 1942 auf die Spur von Leopold Trepper in Brüssel. Von hier aus rollten sie die meisten der im Reich agierenden kleinen Widerstandsgruppen auf. Zwischen August 1942 und März 1943 verhaftete die Gestapo über 150 Angehörige des Netzwerks. 57 wurden in der Folgezeit hingerichtet, davon 19 Frauen.

Mitglieder der zeitweise in der Friedrichshainer Koppenstraße ansässige Familie Küchenmeister gehörten zu einer der mit der Roten Kapelle vernetzten Widerstandszellen.

Der Vater, der aus dem Ruhrgebiet stammende Schriftsteller und Redakteur Walter Küchemeister (1897-1943), war als Kommunist nach dem Reichstagsbrand 1933 mehrfach verhaftet worden, kam ins KZ Sonnenburg und erhielt nach seiner Entlassung 1935 Berufsverbot. Schon 1933/34 hatte er eine kleine Widerstandszeitung herausgegeben. 1940 fand er zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Ärztin Dr.Elfriede Paul, den Anschluss an die Rote Kapelle. Beide wurden im September 1942 verhaftet, Küchenmeister 1943 hingerichtet. Seine Ehefrau Anni kam 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben.

Der älteste Sohn der beiden, Rainer (1926-2010), wurde als 16jähriger ins Jugend-KZ Moringen eingeliefert, überlebte aber die Haft und wurde nach 1945 ein international bekannter Maler.

Der zweite Sohn, Anselm (1928-1954), baute noch im Frühling 1944 eine kleine Widerstandsgruppe mit Basis in der Koppenstraße 65 auf. Die Freunde versteckten den jugendlichen Deserteur Anton Höckendorf und schrieben an dunklen Ecken noch bis in die letzten Kriegsmonate Widerstandsparolen.

Nationalsozialismus – „Mit allen Finessen arbeitende Personen“: Die SPD im Widerstand

Die Sozialdemokraten befanden sich bei der Machtübernahme Hitlers auf einem Tiefpunkt ihrer Parteigeschichte und ihrer öffentlichen Wirksamkeit.

Die schwere Wirtschaftskrise seit 1929 hatte zu einem dramatischen Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften geführt, die immer die Basis der Partei gewesen waren. Die Duldung der SPD im Reichstag gegenüber der Politik der Brüning-Regierung 1930-1932 und die kampflose Kapitulation der preußischen SPD-Regierung vor dem Staatsstreich der Regierung Papen 1932 hatten viele Mitglieder verunsichert und enttäuscht. Die Konfrontation mit der KPD focht die preußische SPD-Regierung dagegen mit aller Härte aus.

Die Folge waren Austritte, aber auch eine generelle Entmutigung der Parteibasis. Imponierende Zahlen wie die der 80.000 Berliner Parteimitglieder oder die noch immer beachtlichen Wahlergebnisse (im November 1932 noch 23,9 Prozent in Friedrichshain) sagten unter diesen Umständen nicht viel. Anders als NSDAP oder KPD war das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die sozialdemokratische Schutztruppe der Republik, auf einen Bürgerkrieg oder auf die Untergrundarbeit nicht vorbereitet.

Die SPD war nach den Massenverhaftungen im März 1933 und der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 wie atomisiert, wie dies ein Historiker genannt hat. Übertritte prominenter Mandatsträger zur NSDAP hatten eine lähmende Wirkung auf noch aktive Sozialdemokraten.

Dennoch bildete sich gleich 1933 um den jungen Funktionär Ludwig Hodapp (geboren 1907) in Friedrichshain eine Widerstandsguppe, die mit der Auslandsleitung der Partei in Prag Kontakt aufnahm und die illegale Ausgabe der Parteizeitung Vorwärts vertrieb.

Daneben gelang es, die Jugendorganisation Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) in konspirativen Kleingruppen neu aufzubauen, die sich aber vorerst auf das Studium von Marx- und Engelstexten beschränkte. Die vom Sozialistischen Studentenbund herausgegebene Untergrund-Zeitung „Roter Stoßtrupp“ erschien in bis zu 3000 Exemplaren, eine für eine illegale Veröffentlichung extrem hohe Zahl.

Auch das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wurde neu konstituiert, allerdings auf sehr viel niedrigerem Niveau. In ganz Berlin kamen jetzt etwa 1000 Reichsbannerleute zusammen, die bereit zur Fortsetzung der Widerstandsarbeit waren (1931 waren es allein in Friedrichshain über 7000).

Seit November 1933 griffen aber die Sicherheitsorgane des Nazi-Staates erbarmungslos durch, nachdem ein Kurier aus der Tschechoslowakei aufgeflogen war. In einer ganzen Reihe von Hochverratsprozessen vor dem Berliner Kammergericht gelang es der NS-Justiz die illegal arbeitenden SPD-Gruppen in der Hauptstadt weitgehend zu zerschlagen. Die Teilnehmer wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt und kamen anschließend oft ins KZ oder wurden zur Wehrmacht eingezogen.

Mittlerweile hatte eines der interessantesten Experiment des deutschen Widerstands begonnen. 1936 gründeten die ehemaligen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Otto Brass (1875-1950) und Hermann Brill (1895-1959) in Berlin die Deutsche Volksfront, die SPD, KPD und andere linke Gruppierungen wie Neu Beginnen im Widerstand gegen Hitler zusammenführen sollte. Die Gruppe wird nach ihrem Minimalprogramm für den gemeinsamen Kampf manchmal auch 10-Punkte-Gruppe genannt. Der Zeitpunkt war günstig, denn die KPD war seit 1935 auf Weisung der Kommunistischen Internationale zur sogenannten Volksfront-Taktik übergeschwenkt, die jetzt international den Aufbau von breiten politischen Widerstandsfronten mit allen antifaschistischen Kräften vorsah. Anders die SPD-Auslandsleitung in Prag, die Einigungsversuchen mit der KPD immer noch sehr ablehnend gegenüberstand.

Ende 1938 wurde auch die Gruppe um Brass und Brill zerschlagen, ihre Mitglieder kamen meist direkt in Konzentrationslager.

Die Aburteilung der Volksfrontaktivisten fiel zusammen mit dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Die SPD-Auslandsleitung musste aus Prag fliehen, und die vergleichsweise einfache Kontaktaufnahme (zum Teil durch deutsche Wandergruppen) war nicht mehr möglich. Damit und mit der kriegsbedingten Einberufung jüngerer Ex-Sozialdemokraten 1939/40 erlosch der SPD-Widerstand in Berlin.

Nationalsozialismus – „Ein Netz von Propagandisten der neuen Auffassung“: Linke Kleingruppen im Widerstand I

Die hier vorgestellten kleinen Widerstandsgruppen hatten gemeinsam, dass sie den beiden großen linken Parteien SPD und KPD ablehnend gegenüberstanden. Ihr Widerstand nahm deshalb teilweise besondere Formen an.

Die sogenannten Linken Kämpfer und die in der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) organisierten Anarchisten-Syndikalisten waren lange vor 1933 existierende, relativ kleine basisorientierte Gruppen, die ihre Ableger im Berliner Osten hatten.

Anarcho-Syndikalisten

Anarchisten traten für eine vollständig freiheitliche Gesellschaft ohne oben und unten ein, die in kleinen kooperativen Wirtschaftseinheiten auf freiwilliger Basis organisiert sein sollte. Der Weg dahin sollte über intensive Propaganda und den „sozialen Massenstreik“ führen, der den kapitalistischen Staat beendete. Sie organisierten sich nur auf der untersten Ebene gewerkschaftsähnlich, nicht in Parteien, deshalb der Namen Syndikalisten. Höhere Ebenen hatten kein Recht nach unten einzugreifen, sie durften nur Vorschläge machen, die dann ausdiskutiert wurden.

Damit standen die Anarchisten-Syndikalisten im strikten Gegensatz zu SPD und KPD, die beide großen Wert auf straffe Organisation und Disziplin legten. Den Sozialdemokraten warfen die Anarchisten zusätzlich Verbürgerlichung und Anpassung an den Klassenstaat vor. Die 1897 gegründete FAUD hatte eine Niederlassung in der Bänschstraße (damals Mirbachstraße) bei dem Klavierbauer Richard Schwalba (1896-1984).

Schwalba übernahm zusammen mit dem Tapezierer Paul Lange (1878-1961) nach der Verhaftung der FAUD-Führung von Berlin die geheime Leitung der Anarchisten im Berliner Osten. Mehrere konspirative Treffen dienten der Koordination zwischen den Gruppen der Berliner Stadtteile. 1934 gelang es, die anarchistische Zeitung „Die Internationale“ noch einmal in 150 Exemplaren herauszubringen.

Die meisten Berliner Anarchisten wurden 1937 von der Gestapo verhaftet und zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Rote Kämpfer

Die sogenannten Roten Kämpfer, vor 1933 als Sozialwissenschaftliche Studienvereinigung organisiert, waren linke Sozialdemokraten, kommunistische Dissidenten und andere linke Sozialisten, deren gemeinschaftliche Erfahrungen teilweise bis in den 1.Weltkrieg zurückreichten. Der verbürgerlichten und bürokratischen SPD und der autoritären und dogmatischen KPD stellten sie ein rätekommunistisches Modell entgegen, wie es 1918/19 in Deutschland und 1917/21 in der Sowjetunion existiert hatte. Sie verstanden sich als revolutionär, humanistisch, basisorientiert und antikapitalistisch, aber auch antibolschewistisch, also gegen eine Parteidiktatur. Theoretisch waren sie wesentlich beeinflusst von dem aus der KPD ausgeschlossenen „ultralinken“ Brecht-Freund Karl Korsch (1886-1961).

Weit davon entfernt, eine eigene Partei gründen zu wollen, wirkten sie als Studienzirkel, begannen aber schon seit 1931 mit der Vorbereitung auf eine mögliche Illegalität. Ihre Einschätzung, dass die zerrissene Arbeiterbewegung den Faschismus nicht aufhalten könnte, erwies sich hinterher leider als zutreffend. Nach dem Januar 1933 verteilten sich die Roten Kämpfer sofort in konspirative Fünfergrüppchen, die nur sporadisch miteinander Kontakt hielten. Solche Grüppchen gab es in Neukölln, Friedrichshain, Kreuzberg und Lichtenberg, allerdings waren Rote Kämpfer auch in den Industrieregionen Sachsens und am Niederrhein vertreten. Diese Grüppchen kümmerten sich vor allem um die intensive Schulung ihrer Mitglieder, Außenkontakte waren selten. Diese strenge Konspiration und der weitgehende Verzicht auf äußere Propaganda brachten es mit sich, dass die Roten Kämpfer-Gruppen bis 1936 so gut wie unbekannt blieben.

1936/37 zerschlug eine von Rheinland ausgehende Verhaftungswelle aber auch diese Gruppe, ohne dass sie zu größerer Wirksamkeit gekommen wäre.

Nationalsozialismus – „Kirche muß Kirche bleiben“: Die Bekennende Kirche

Der Weg der christlichen Kirchen in den Widerstand war mühevoll und inkonsequent. Viele protestantische Pfarrer und Gemeindemitglieder waren deutschnational und monarchistisch. Die Katholiken ließen sich lange Zeit durch das Reichskonkordat ruhigstellen. Die Hierarchien beider Kirchen exponierten sich selten, erst spät und abseits der Öffentlichkeit.

Die sogenannten Deutschen Christen, eine 1932 gegründete nazifreundliche kirchliche Splittergruppe, wirkten bei den Protestanten (67 Prozent der Friedrichshainer) als Katalysator für die Entscheidung für oder gegen Hitler. Geführt von Ludwig Müller, „Reichsbischof“ von Hitlers Gnaden, verlangten sie ultimativ die Einschwörung der Kirche auf den „Führer“. Dabei ging es um mehr als eine weithin sichtbare Hakenkreuzbeflaggung der Kirchen. Die Deutschen Christen forderten nicht weniger als ein Hitlerbild im Altarraum, den Eliminierung des Alten Testaments als jüdischen Text aus der Bibel und die Ausstoßung der getauften Juden aus der Kirche, kurz die umfassende Arisierung des Christentums.

Die Bekennende Kirche, die sich noch 1933 konstituierte, wollte den theologischen Kern des Protestantismus zu retten. Damit war aber klar, dass es nur mittelbar um weltlichen Widerstand ging, und dass es letztlich vom Temperament des einzelnen Pfarrers und der Zusammensetzung seiner Gemeinde abhing, wie heftig die Auseinandersetzung geführt wurde. Nach 1934/35 flauten die Kämpfe zwischen Deutschen Christen und und Bekennender Kirche ab. Beurlaubungen und Verhaftungen hatten viele radikale Pfarrer aus dem Dienst entfernt, die Deutschen Christen waren aufgrund von inneren Konflikten immer weniger handlungsfähig. Seit 1935 verlor auch die NS-Führung zunehmend die Lust am Kirchenkampf und setzte mehr auf eine Konsolidierung, allerdings unter Ausschaltung ihrer unangenehmsten kirchlichen Gegner (Verhaftung Niemöllers 1937) – ein Ziel, das die viele Kirchenleitungen im Interesse der Seelsorge durchaus teilten.

Anders als im Berliner Westen hatten in Friedrichshain fast überall die Deutschen Christen die Mehrheit in den Pfarrgemeinderäten. In den Arbeitervierteln des Berliner Osten lag das Interesse an aktiver Gemeindearbeit bei unter zehn Prozent der eingetragenen Kirchenmitglieder. Damit war es aber kleinen entschlossen vorgehenden nazitreuen Gruppen umso leichter, mit Unterstützung von oben die Gemeindepolitik in die Hand zu bekommen.

Entsprechend schwierig gestaltete sich die Arbeit der bekanntesten Friedrichshainer Pfarrer der Bekennenden Kirche, Dr. Wilhelm Harnisch (1887-1960) an der Samariterkirche und Eugen Senger (1900-1945) an der Galiläakirche. Beide arbeiteten in ihren benachbarten Kirchen eng zusammen. Beide waren bekannt für ihre unerschrockenen nazifeindlichen Predigten und ihre Kollekten für die Bekennende Kirche und hatten mit einer Flut von Denunziationen aus ihren Kirchengemeinderäten zu kämpfen. Harnisch war bereits 1933 kurze Zeit im „wilden KZ“ Columbiahaus eingesperrt, bis 1941 wurde er über 60mal bei der Gestapo zu Verhören vorgeladen. Ebenso wie sein Amtsbruder war er seit 1934 zwangsbeurlaubt, führte aber Bibelstunden und Konfirmandenunterricht im Geist der Bekennenden Kirche im sogenannten Arbeitslosenladen gegenüber dem Haupteingang der Samariterkirche (Bänschstraße, damals Mirbachstraße 24) weiter (im Talar !). Eine größere Versammlung ließ Harnisch sogar mit Polizeischutz gegen Übergriffe Deutscher Christen absichern.

Senger in der Galiläakirche ließ für inhaftierte Pfarrer und Kirchenmitarbeiter beten und verweigerte ständig den Beitrag zum nazistischen Winterhilfswerk. Nach seiner Zwangsbeurlaubung predigte er ebenfalls im Arbeitslosenladen der Samariterkirche. Als er 1935 unter Hausarrest gestellt worden war, predigte er von seinem Fenster aus für die Bekennenden Christen, die sich im Hof versammelt hatten. Pfarrer Senger wurde noch 1944 zur Wehrmacht eingezogen und starb 1945 in alliierter Kriegsgefangenschaft.

Besonders schwer tat sich aber auch die Bekennende Kirche mit nichtgetauften Juden. Pfarrer Heinrich Grüber (1891-1975), seit 1934 an der Dorfkirche Kaulsdorf, war hier eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen. Grüber, ursprünglich Deutschnationaler mit Nazisympathien, aber seit 1933 Mitglied der Bekennenden Kirche, gewährte beim Pogrom am 9. November 1938 fliehenden Juden Zuflucht in seiner Kirche und versteckte sie in den umliegenden Laubenkolonien. Hinterher baute er in der Innenstadt ein Hilfswerk für auswandernde Juden mit mehreren kirchlichen Mitarbeitern auf. Dafür war er 1940-1943 im KZ Sachsenhausen eingesperrt.

Nationalsozialismus – „Ich mußte Gott mehr gehorchen als den Menschen“: Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer

Etwa 250 Personen wurden während der Nazi-Diktatur als Kriegsdienstverweigerer hingerichtet, eine vergleichsweise bescheidene Zahl verglichen mit den Zehntausenden von hingerichteten Deserteuren. Bei den Kriegsdienstverweigerern handelte es sich durchweg um christliche Pazifisten, denn der politische Pazifismus war gleich 1933 ins Exil getrieben worden.

Kriegsdienstverweigerung unter dem Nationalsozialismus wird meist allein mit den Zeugen Jehovas in Verbindung gebracht. Konsequente Pazifisten aus den großen Kirchen waren dagegen selten. Beide große Kirchen standen Militär und Militärdienst positiv gegenüber, der offizielle Protestantismus begrüßte in preußischer Tradition die „Wehrhaftigkeit“ des Volkes und selbst die Bekennende Kirche wich einer klaren Ablehnung des Kriegsdienstes aus.

Unter diesen Umständen gestaltete sich der Lebensweg von Dr. Hermann Stöhr (1898-1940) als sehr schwierig. Stöhr hatte als Kriegsfreiwilliger am 1.Weltkrieg teilgenommen und war durch seine Erlebnisse zum radikalen Kriegsgegner geworden. Nach 1918 arbeitet als als hauptamtlicher Sekretär der deutschen Sektion des Internationalen Versöhnungsbundes, einer 1914 gegründeten religiös begündeten, aber nicht explizit christlichen Friedensorganisation.

Im Hauptberuf betreute Stöhr seit 1924 in einer sozialen Einrichtung der Inneren Mission in der Fruchtstraße am Ostbahnhof (heute Straße der Pariser Komune) arbeitslose Jugendliche. Allerdings entließ ihn sein Arbeitgeber 1931 eben wegen seines pazifistischen Engagements.

1933 schloss er sich der Bekennenden Kirche an. Im März und im August 1939 verweigerte Stöhr die Einberufung zum Kriegsdienst und bot stattdessen seinen zivilen Arbeitseinsatz an. Am 31. August, einen Tag vor Kriegsbeginn wurde er verhaftet und im November zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Als er im Gefängnis auch noch den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, folgte das Todesurteil. Stöhr wurde im Juni 1940 in Plötzensee enthauptet. Er war der einzige Protestant, der wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet wurde. Seine Kirche hat ihn bis zum Schluss nicht unterstützt, sondern seine Überzeugung pathologisiert.

Die Zeugen Jehovas, damals noch Ernste Bibelforscher genannt, hatten in Berlin ihre Zentren in Wedding und Friedrichshain. Der geheime Treffpunkt der Gruppe lag im Seifenladen der Familie Brzezek in der Lange Straße 108 am Ostbahnhof. Ihre Organisation war gleich 1933 aufgelöst worden, ihre Zeitschrift „Wachtturm“ war seitdem verboten, doch trafen sie sich im geheimen weiter und verteilten aus dem Ausland, meist der Tschechoslowakei, eingeschmuggelte Schriften.

Die Glaubensgrundlagen der Zeugen Jehovas stellt letztlich eine kompromisslose Antithese zum Nationalsozialismus dar: verbindlich ist nur Gottes Wort, jeder Staat ist Menschenwerk, Christen sind dem Staat zu nichts verpflichtet, besonders nicht zu Hitler-Gruß, Eidesleistung oder zum Dienst mit der Waffe, gegen den auch das biblische Tötungsverbot spricht. Als der Druck auf die Zeugen zunahm, nahmen auch ihre Schriften immer kritischer zum Nationalsozialismus Stellung (indem sie z.B. Hitler einen ;Beauftragten des Teufels’ nannten). Außerdem waren die Gruppenangehörigen bekannt dafür, dass sie kaum zu brechen und nicht abzuschrecken waren. Noch 1943 verteilte das Ehepaar Fritsche etwa 1000 Exemplare des „Wachtturm“ in der Gegend.

Entsprechend hart war die Verfolgung in Hitler-Deutschland. Allein 1937 fanden in Berlin sieben Sondergerichtsverfahren mit fast 100 Angeklagten statt, 1944 folgte ein letzter mit 75 Angeklagten.

Bei Kriegsbeginn verschärfte sich ihre Lage als Kriegsdienstgegner ein weiteres Mal, weil jetzt mit der Todesstrafe zu rechnen war. Aus Friedrichshain wurden Mathias Köhli 1940 und Konrad Brzezek 1942 hingerichtet, drei weitere Todesurteile 1944 wurden nicht mehr vollstreckt.

Vielfach wurden überführte Zeugen Jehovas aber ohne Prozess in ein KZ eingeliefert, wo sie eine separate Häftlingsgruppe (violetter Winkel) bildeten und willkürlichen, oft besonders grausamen Quälereien ausgesetzt waren. Nicht wenige Zeugen wurden dabei getötet.

Verglichen mit ihrer geringen Mitgliederzahl hatten die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus mehr Opfer aufzuweisen als andere Gruppen.

Nationalsozialismus – „Wir haben alle hier auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen“: Die Rütli-Gruppe

Eine der ersten schulpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten war die Einführung „normaler“ Lehrpläne in den sogenannten „weltlichen Schulen“. Damit zerschlugen sie ein seit 1922 bestehendes sehr erfolgreiches pädagogisches Experiment in Preußen, das alte schulreformerische Ziele der Arbeiterbewegung verwirklicht hatte.

Lernziele und Methoden dieser Schulen, zu denen auch die heute wieder stärker bekannt gewordene Rütli-Schule in Neukölln gehörte, unterschieden sich grundlegend von denen der normalen Schulen in Preußen und Deutschland. Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet, die Lehrer sollten ein partnerschaftliches Verhältnis zu Eltern und Schülern aufbauen, projektorientiertes, fächerübergeifendes Lernen hatte besonderes Gewicht. Die Politisierung dieser Schulform, die den Nazis ein besonderer Dorn im Auge war, hatte ihren Grund weniger im fehlenden Religionsunterricht als in der bewussten Einbeziehung von tagespolitischen Themen in den Unterricht. Die Kinder sollten lernen, selbst zu beurteilen und zu fragen, und nicht alles als gegeben und unabänderlich hinzunehmen.

Die Rütli-Schule wurde besonders von Kindern der umliegenden Arbeiterviertel besucht. Im Schulprotokollbuch ist am 19. Mai 1930 über die Zusammensetzung der Elternschaft vermerkt: „Die Eltern unserer Schule gehören zum größten Teil der Arbeiterschaft an, wozu ein kleiner Prozentsatz fortschrittlicher Intellektueller kommt. Sie sind fast durchweg in politischen und gewerkschaftlichen Verbänden organisiert und in ihnen zum größten Teil als Funktionäre tätig. Daraus resultiert eine bewußte politische Haltung, die bei den radikaler eingestellten Eltern durchaus nicht staatsbejahend ist … Selbstverständlich ist, daß unsere Kinder bei der politisch bewußten Haltung der Eltern viel früher und viel intensiver von politischen Gedankengängen bewegt werden als die Kinder anderer Schulen.“

Hanno Günther (1921-1942) besuchte die Rütli-Schule 1928 bis zu ihrer Schließung 1933, dann bis 1935 die ebenfalls reformpädagogische Schulfarm Scharfenberg im Tegeler See. Bei seiner anschließenden Ausbildung zum Bäcker lernte er die Krankenschwester Elisabeth Pungs (1896-1945) kennen, die bis 1933 in der Roten Hilfe, einer der KPD naestehenden sozialen Hilfsorganisation, gearbeitet hatte und seitdem Kontakte zum Widerstand hatte. Nach dem Überfall auf Polen 1939 begannen die beiden Flugblätter gegen Krieg und Diktatur zu entwerfen. In den Jahren 1940/41 sammelten sich um Pungs und Günther eine kleine Widerstandsgruppe, deren Mitglieder fast alle von der Rütli-Schule kamen: Wolfgang Pander (geboren 1917), Dagmar Petersen (1920), Bernhard Sikorski (1921) und Emmerich Schaper (1920)

Unter dem Einfluss des kommunistischen Schriftstellers Herbert Bochow (1906) begann die Gruppe, sich in die marxistische Theorie einzuarbeiten. Allerdings scheint bei aller Sympathie bei den meisten Gruppenmitgliedern ein Vorbehalt gegen die allzu bedingungslose Orientierung der KPD auf die Sowjetunion geblieben zu sein.

Nach dem Angriff auf Frankreich 1940 nahm die Widerstandsgruppe ihre Flugblattaktion wieder auf. „Das freie Wort“, wie die vervielfältigten Flugblätter hießen, war von einer fiktiven „Deutsche Friedensfront“ unterzeichnet und rief insbesondere Rüstungsarbeiter zu Bummelei und Sabotage auf.

Bochow, der wegen seiner Widerstandstätigkeit schon zweimal inhaftiert gewesen war, wurde 1941 erneut festgenommen und verriet nach schwerer Folter die Rütli-Gruppe. Am 28. Juli 1941 schlug die Gestapo zu. Bei den langen brutalen Verhören kam Emmerich Schaper ums Leben. Mit Ausnahme von Dagmar Petersen und der schwer lungenkranken Elisabeth Pungs wurden alle Gruppenmitglieder zum Tod verurteilt und im Dezember 1942 in Plötzensee hingerichtet.