Ausstellungen

Das Konzept

Jugendwiderstand und Jugendopposition in der DDR 1968-1989


Die Ausstellung “Wartet nicht auf bess’re Zeiten!” Jugendwiderstand und Jugendopposition in der SBZ/DDR (1948-1989) bietet einen Einblick in eine jugendkulturell geprägte (Punk und Rock) Widerstandskultur in den letzten 20 Jahren der DDR, die sich gegen staatliche Repression insbesondere auch unter dem Dach von evangelischen Kirchengemeinden etablierte und wichtige Impulse für die friedliche Revolution im Herbst 1989 setzte. Die Ausstellung soll die Erinnerung an die Bedeutung von Widerstand und Opposition in Friedrichshain wach halten und mahnen, wie wichtig der “aufrechte Gang” und Zivilcourage auch heute sind.

Da sich die Ausstellung in erster Linie an Jugendliche richtet, bietet sie durch die Verwendung von Bild- und Tondokumenten einen Einblick in eine jugendliche Lebenswelt, die sich weniger anhand der praktizierten Lebensformen, aber umso deutlicher aufgrund der politisch gesetzten Rahmenbedingungen im SED-Staat von der Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen unterscheidet.

Der konzeptionelle Ansatz dient insbesondere dazu, die schwierigen Lebensbedingungen insbesondere von alternativ orientierten Jugendlichen in der DDR der jungen Generation von heute zugänglich zu machen.

 


 

“Wartet nicht auf bess’re Zeiten!’ zum Jugendwiderstand in der DDR”

Die in erster Linie an Jugendliche gerichtete Dauerausstellung “Wartet nicht auf bess’re Zeiten!” (Jugendwiderstand und Jugendopposition in der SBZ/DDR) bietet einen Einblick in eine jugendkulturell geprägte Widerstandskultur von 1948-1989, wobei Friedrichshain als Stadtteil mit langer Widerstandstradition näher beleuchtet wird.

Viele DDR-Jugendoppositionen etablierten sich insbesondere unter den Dächern evangelischer Kirchengemeinden, u.a. in der Galiläa- und der Samariterkirche, wo man sich offen gegen staatliche Repression aussprechen, sich vernetzen und somit auch wichtige Impulse für die friedliche Revolution 1989 setzen konnte.

Die Kirche ist somit ein wichtiger Teil der Geschichte, die sie heute dokumentiert.

In der Ausstellung bekommt man anhand von originalen Ausstellungstücken, sowie Bild- und Tondokumenten einen Einblick in eine jugendliche Lebenswelt noch früher Vergangenheit, welche sich jedoch aufgrund der politisch gesetzen Rahmenbedingungen im SED-Staat maßgeblich von der heutigen Lebenswirklichkeit unterscheidet.

Der konzeptionelle Ansatz dient dazu, die schwierigen Lebensbedingungen insbesondere von alternativ orientierten Jugendlichen in der DDR, der jungen Generation von heute zugänglich zu machen.

So soll die Ausstellung an die Bedeutung von Widerstand und Opposition in Friedrichshain erinnern und mahnen, wie wichtig der aufrechte Gang und Zivilcourage auch heute noch sind.

Folgende Themen werden hier genauer beleuchtet:

Der Prager Frühling
Seinen Namen erhielt der Prager Frühling von einem Prager Musikfestival, doch war damit der Aufbruch der tschechoslowakischen Gesellschaft aus einer Eiszeit stalinistischer Herrschaft gemeint. Am 5. April 1968 stellte die KPČ unter ihrem neuen Leiter Alexander Dubček ein Reformprogramm vor, das Wirtschaftsreformen einleitete, die Pressefreiheit garantierte und auch eine Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen vorsah. Kunst und Kultur begannen nach Abschaffung der Zensur aufzublühen, öffentlich wurden neue Sozialismusmodelle diskutiert.
Während Prag zu einem Mekka für Jugendliche aus ganz Europa wurde, fürchteten die Regierungen der anderen kommunistischen Staaten um ihre Macht und forderten von der tschechische Regierung, die Refor­men zu beenden.

In der Nacht zum 21. August marschierten die Truppen Ungarns, Polens, Bulgariens und vor allem der Sowjetu­nion in die ČSSR ein und beendeten die Reformen gewaltsam. Die Truppen der DDR-Armee NVA hielten sich in Bereitschaft. 98 Tschechen und Slowaken und 50 Soldaten der Interventionstruppen verloren ihr Leben.

In der DDR kam es aufgrund der Besetzung zu zahlreichen Protesten, wobei dem Ministerium für Staatssicherheit insgesamt 1189 Personen ins Netz gingen. Dreiviertel davon waren unter 30 Jahre alt. Einige von ihnen gründeten später in der Samariterstraße die Kommune 1 Ost.

Für viele Menschen fand mit der Unterdrückung des Prager Frühlings die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft mit menschlichem Ant­litz ein Ende.

Der damals siebzehnjährige, in Prag geborene Schriftsteller Jan Faktor erinnert sich an den Prager Frühling:

“Der Frühling 1968 war – Verliebtheiten und andere aufregende Dinge gab es gleichzeitig auch noch – wunderbar. Die Angstfreiheit bei den Diskussionen im Stadtzentrum, das Ende der Phrasen in den Medien, die Explosion der schöpferischen Kräfte in der Kultur war überall spürbar – in den Theatern, auf der Karlsbrücke oder bei Rockkonzerten. Das alles werde ich nie vergessen. (…)

Die Eindrücke aus diesen acht Monaten hielten mich dann noch sehr lange gefangen, so dass ich vielleicht erst zehn Jahre später rigoros und endgültig über das politische Experiment von damals urteilen konnte. Die Erinnerung an das Gefühl, was eine angstfreie, offene Gesellschaft sein kann, blieb in mir aber ganz wach.”

(Jan Faktor: Meine ganz privaten Ansichten zu Prag 1968, Horch und Guck, 2/07, S. 28-31, http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2004-2007/heft-58/05808/ )

Literatur: Dieter Segert: Prager Frühling. Gespräche über eine europäische Erfahrung, Bonn 2008

Weitere Infos: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2661

Der Berliner Appell
Im Dezember 1981 arbeiteten der Systemkritiker Robert Havemann und der Pfarrer der Friedrichshainer Samaritergemeinde Rainer Eppelmann zusammen einen Abrüstungsaufruf aus, der die Regierungen beider deutscher Staaten dazu aufforderte, ungeachtet ihrer Blockeinbindungen, in Abrüstungsverhandlungen zu treten.

Als der Berliner Appell am 25. Januar 1982 veröffentlicht wurde, hatten ihn schon etwa 80 Personen, darunter auch viele Friedrichshainer Jugendliche, unterzeichnet. SED-Chef Erich Honecker entschied nicht, wie vom Staatssekretariat für Kirchenfragen vorgeschlagen, die Kirche in belehrenden Gesprächen unter Druck zu setzen und zu Maßnahmen gegen Eppelmann zu bewegen, sondern verlangte, gegen Eppelmann „nach Gesetz“ zu verfahren. Darauf wurde Reiner Eppelmann am 9. Februar 1982 verhaftet. Zwar wurde er zwei Tage später nach Intervention der Kirchenleitung wieder entlassen, doch wurde dies mit der Auflage an die Kirche verbunden, Eppelmann zu disziplinieren. Offiziell distanzierte sich die Kirche von ihm und erklärte, dass im Berliner Appell ein „Zerrbild von den politisch Verantwortlichen gezeichnet“ würde. Reiner Eppelmann wurde vorgeschlagen, in den Westen auszureisen, was dieser ablehnte.

Die Kirchenleitung sammelte die Unterschriftenlisten mit der Begründung wieder ein, die Jugendlichen vor dem MfS schützen zu wollen, die den Appell unterzeichnet hatten. Kritiker monierten, dass die Kirchenleitung lediglich an einem angenehmen Staat-Kirche-Verhältnis interessiert sei.

Der Berliner Appell war der erste große Konflikt zwischen Vertretern einer Basisinitiative und der Kirchenleitung. Die Gruppen reagierten mit der Organisation der Friedenswerkstatt in der Lichtenberger Erlösergemeinde, an der auch der Friedenskreis Samariter teilnahm, der 1987 in eine Initiative zur Gründung der Kirche von Unten führen sollte.

Frauen für den Frieden - Gemeinsam für Abrüstung
Ende der siebziger Jahre entstanden in der DDR Gruppen, die sich unabhängig von der offiziellen Politik mit Fragen der Friedenssicherung und des Umweltschutzes auseinander setzten. Auch in Friedrichshain arbeiteten solche Friedensinitiativen und Friedensgruppen. Nachdem am 25. März 1982 ein neues Wehrdienstgesetz erlassen wurde, laut dem im Verteidigungsfall auch Frauen eingezogen werden konnten, gründeten Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Irena Kukutz, Bettina Rathenow, Jutta Seidel u. a. eine Gruppe, die sich den 1970 in Irland gegründeten Frauen für den Frieden anschloss und damit Teil der internationalen Friedensbewegung wurde. Einen Protestbrief gegen das neue Wehrdienstgesetz unterschrieben 150 Frauen. Ihre 1984 bis 1987 in der Auferstehungskirche in der Friedrichshainer Friedenstraße veranstalteten Nachtgebete stießen auf das Misstrauen der Sicherheitskräfte. Als vier Frauen am 12. Dezember 1983 inhaftiert wurden, mussten sie aufgrund internationalen Protests wieder freigelassen werden. Die Stationierung sowjetischer Atomwaffen in der CSSR, DDR und Polen, genauso wie die Hochrüstung Belgiens, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande und der BRD mit amerikanischen Atomwaffen, brachte diese Frauen dazu, gemeinsam mit Frauengruppen aus anderen europäischen Staaten, einen offenen Brief herauszugeben:

„Für Entspannung von unten! Für Entnuklearisierung Europas!“

Die Frauen für den Frieden waren nicht nur friedenspolitisch tätig, sondern beschäftigten sich auch mit Fragen der Geschlechterrolle in Kirche und Gesellschaft. Das MfS „organisierte“ den Frauen berufliche und persönliche Misserfolge. Weil ihre Gruppe unter dem Dach der Kirche agierte, wurde auch die Kirchenleitung unter Druck gesetzt. Diese teilte daraufhin den Frauen 1984 mit, ihre Aktionen nicht mehr schützen zu können. Die Frauen für den Frieden waren in der zeit der Friedlichen Revolution an zahlreichen Neugründungen, wie z. B. Der des Neue Forums und des Unabhängigen Frauenverbands (UFV) beteiligt und wirkten somit aktiv am Sturz der SED-Herrschaft mit.

Literatur: Antje Finger, Ingeborg Michael: Genau hingesehen, nie geschwiegen, sofort widersprochen, gleich gehandelt – Dokumente aus dem Gewebe der Heuchelei 1982 – 1989, Widerstand autonomer Frauen in Berlin Ost und West, Hg.: Bildungswerk für Demokratie und Umweltschutz, Januar 1990.

Ulrike Poppe: Frauen für den Frieden. In: Hans-Joachim Veen (Hg.): Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. Propyläen, Berlin – München 2000, S. 135-137.

Weitere Infos: Irena Kukutz „Die grenzüberschreitenden Aktionen der Bewegung Frauen für den Frieden in Ost und West – als Teil einer europäischen Frauenfriedensbewegung in den 80er Jahren“ Dokumentation: http://www.havemann-gesellschaft.de/index.php?id=81

Aus der Kirche in die Öffentlichkeit - Die Friedensdekaden in der DDR

Seit Ende der 1970er Jahre standen sich die Machtblöcke in Ost und West in einem verstärkten Wettrüsten unversöhnlich gegenüber. Abrüstungsgespräche zwischen den politischen Vertretern der Blöcke wurden von den Menschen immer mehr als fruchtlos und unglaubwürdig wahrgenommen. Dagegen nahm die Bedrohung durch die zahlreichen Nuklearwaffen zu und die Zivilgesellschaften in Ost und West wurden immer stärker militarisiert. Um von der Basis aus für den Frieden einzutreten und verstärkt Abrüstungsbemühungen einzufordern, wurde von Jugendpfarrern und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Jugend in der DDR erstmalig 1980 gemeinsam mit der Kommission für kirchliche Jugendarbeit eine Friedensdekade durchgeführt. Der Impuls zur Einführung einer Friedenswoche kam von einer kirchlichen Studenten- und Jugendkonferenz 1978 in Budapest.

Der Gedanke war, die zehn Tage vor dem Buß- und Bettag in Ost und West der Friedensarbeit zu widmen und der Friedensbewegung damit eine stärkere öffentliche Wirkung zu verleihen. Unter einem gemeinsamen Thema wurde über die Schrecken des Krieges aufklärt, über den Frieden diskutiert, gesungen, gebetet und über Initiativen nachgedacht, die dem Frieden nützen könnten. Das waren Gedankenaustausche, die den Frieden auf besondere Weise erfahrbar machten. Zunächst nur für einmal geplant, bereiteten auch in den Folgejahren zahlreiche Kirchengemeinden in den letzten zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag Veranstaltungen vor, die für den Frieden sensibilisieren sollten. Die Friedensdekade wurde in der DDR und in der Bundesrepublik durchgeführt und verstand sich daher als blockübergreifende Friedensinitiative.

Die Friedensdekaden haben Christen und Nichtchristen in der DDR die Erfahrung vermittelt, dass die „Kraft der Schwachen“ auch eine befreiende und ermutigende Wirkung haben kann und dass die Ideen der Friedensbewegung über den kirchlichen Kontext hinaus getragen und populär gemacht werden können.

Schwerter zu Pflugscharen

Anlässlich der Friedensdekade im November 1981 versahen der brandenburgische Landesjugendpfarrer Manfred Domrös und der Babelsberger Pfarrer Stephan Flade das Deckblatt einer Materialmappe mit dem Bild der Plastik Schwerter zu Pflugscharen. Diese Plastik war ein Geschenk der UdSSR an die UNO und stand vor dem New Yorker Uno-Hauptgebäude. Sie ließen das Symbol auf Stoff drucken, um es als Lesezeichen zu verteilen. Zahllose Jugendliche in der DDR, unter anderem auch welche, die zur Jugendarbeit in den Friedrichshainer Gemeinden Pfingst, Auferstehung und Galiläa kamen, schnitten das Symbol aus und nähten es auf ihre Jacken als Zeichen eines eigenständigen Friedenswillens.

Erstmals gelang es der unabhängigen Friedensbewegung damit, landesweit aus den Räumen der Kirchen herauszutreten und ihre Ideen bei größeren Teilen der Bevölkerung populär zu machen.
Das Symbol etablierte sich zum Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, was die Staatsmacht dazu brachte, dagegen vorzugehen. Wer mit dem Aufnäher angetroffen wurde, musste ihn je nach Freundlichkeit der Polizisten entweder sofort abtrennen, die Jacke herausgeben oder ins Polizeirevier mitkommen, wo nicht selten weitere Schikanen drohten. Viele Jugendliche wurden wegen des Aufnähers von der Schule verwiesen oder von Lehre und Studium ausgeschlossen. Das MfS notierte am 1. August 1982 insgesamt 3.676 Personen mit diesem Aufnäher festgestellt zu haben. Laut einer Schätzung sollen ihn jedoch fast 100.000 Menschen getragen haben.

Literatur:

  • Anke Silomon: „Schwerter zu Pflugscharen“ und die DDR. Die Friedensarbeit der evangelischen Kirchen in der DDR im Rahmen der Friedensekaden 1980-1982. Göttingen 1999.

Weitere Infos:

Bausoldaten

Nachdem 1956 in der Bundesrepublik die Wehrpflicht eingeführt worden war, zog die DDR kurz nach dem Mauerbau 1961 nach. Kirchenvertretern gelang es 1964 beim Staat die Einrichtung eines „Bausoldatendienstes ohne Waffe“ durchzusetzen. Ihr Argument war, dass Menschen, die im Westen – und damit auch in der Bundeswehr – Verwandte hätten, nicht auf sie schießen könnten.

Zahlreiche junge Männer, auch Mitglieder des Friedrichshainer Samariter-Friedenskreises machten von der Möglichkeit des waffenlosen Wehrdienstes Gebrauch. Doch besonders seit Ende der 70er Jahre reichte vielen jungen Menschen diese Form der Verweigerung nicht mehr aus. Bausoldaten wurden nämlich auch in die militärische Planung mit einbezogen und zum Bau militärischer Objekte verpflichtet.
Wer sich der Einberufung zur
Nationalen Volksarmee ganz widersetzte, wurde in der Regel mit zwei Jahren Haft bestraft. Für die Verweigerung des Reservistendienstes gab es neun Monate Haft.

Literatur: Uwe Koch: Bausoldatenkongress. Zivilcourage und Kompromiss, Bausoldaten in der DDR 1964-1990 Potsdam, 3.-5. September 2004.Berlin 2005.

Weitere Infos: http://www.havemann-gesellschaft.de/bausoldaten/gbuch.htm

Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer
Bereits 1982 hatte man in den evangelischen Kirchen der DDR damit begonnen in den sonntäglichen Gottesdiensten der inhaftierten Wehrdiensttotalverweigerer zu gedenken, so auch in der Galiläakirche. Im Herbst 1985 versuchte der Staat letztmalig alle Totalverweigerer der DDR zu disziplinieren und verhaftete ca. 70 junge Männer, darunter einen Mitarbeiter der Offenen Jugendarbeit in Friedrichshain. Allerdings wurden sie nach sechs Wochen wieder entlassen. Wahrscheinlich, da in Genf Abrüstungsverhandlungen begonnen hatten. Der Warschauer Packt drohte als unglaubwürdig zu erscheinen, wenn er währenddessen Wehrdienstverweiger inhaftierte.

Als Folge dieser Verhaftungen gründete sich 1986 der Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer. Diese Vereinigung war regional gegliedert und verstand sich als eine Art solidarische Notgemeinschaft, die aber auch die Entmilitarisierung der Gesellschaft forderte. Die Aktivitäten des Freundeskreises, der auch Kontakte zu Totalverweigerern anderer Länder unterhielt, wurden von der Staatsmacht beobachtet und verfolgt. Dennoch entwickelte sich das Netzwerk bis 1989 zu einer Größe von 17 Gruppen und 24 Regionalvertretern.

Auf der Friedenswerkstatt 1988 schufen Wehrdiensttotalverweigerer aus Ost und West in einer Performance das Denkmal „Dem unbekannten Deserteur“, das sich in den Ausstellungsräumen des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche befindet. Ab 1988 brachte der Freundeskreis auch eine eigene Zeitschrift heraus, die in Anlehnung an das Berühmte Gedicht Wolfgang Borchards: „Sag Nein!“ hieß.

Literatur:

  • Stefan Eschler, Uwe Koch: Zähne hoch, Kopf zusammenbeissen. Dokumente zur Wehrdienstverweigerung in der DDR. Kükenshagen 1995.

Weitere Infos:

  • http://tiltonline.net/tilt/gruppen/fwtv/fwtv.htm
Initiative für einen Sozialen Friedensdienst (SoFd)

Am 9. Mai 1980 waren Vertreter der Offenen Arbeit in Dresden mit einer Kampagne zur Einführung eines sozialen Friedensdienstes (SoFd) in der DDR als Alternative zum Wehrdienst an die Öffentlichkeit getreten. In einem Offenen Brief forderten sie die Landessynoden der evangelischen Kirchen auf, sich für einen solchen Friedensdienst einzusetzen. Diese Brief wurde anlässlich einer Jugendwerkstatt am 24. und 25. Juli auch in der Galiläakirche diskutiert. Bis zum Jahresende erreichten 12 000 Unterschriften die Landessynoden der evangelischen Kirchen in der DDR, die den Vorschlag unterstützten.

Einmalig in der DDR sah sich die SED gezwungen, offiziell auf eine Initiative der unabhängigen Friedensbewegung zu reagieren. Am 21. November 1981 verkündete der Cottbusser SED-Chef Werner Walde auf einer Rede, dass diese Initiative „staats-, verfassungs- und friedensfeindlich“ sei. Die Initiatoren wurden verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Dennoch gelang es ein Verfahren durchzusetzen, in dem junge Männer, die den Wehrdienst total verweigerten, nicht eingezogen wurden. Allerdings hatten diese damit auch ihre Chance auf ein Studium oder eine qualifizierte berufliche Weiterbildung verspielt.

Literatur und Weitere Infos:

  • Roland Brauckmann und Heike Möbius: Die Dresdener Initiative für einen „Sozialen Friedensdienst“. Ein Zeitzeugenbericht in: Horch und Guck 2/2004, S. 42-44. http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2004-2007/heft-46/04611/
Die Umweltbewegung in der DDR/ Tschernobyl
Nach offiziellen Darstellungen gab es bis 1989 keine gravierenden Umweltprobleme in der DDR. Doch weil die Zerstörung der Natur immer deutlicher wahrzunehmen war, ließen sich insbesondere jungen Menschen in den 1980er Jahren nicht mehr von der Informationspolitik des Staates irritieren. Luftverschmutzung in den Chemiebezirken und Großstädten, Baumsterben in den Gebirgsregionen, Wasserverunreinigungen und unkontrollierte Flächenverödung und Chemiemissbrauch in der landwirtschaftlichen Produktion sollten nicht mehr verschwiegen werden. Besonders groß war das Ausmaß der Zerstörung beim Uranbergbau und im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld durch die Chemiewerke sowie im Kohleabbau.

In Berlin-Friedrichshain waren es vor allem die kleinen Freundeskreise und kirchlichen Gruppen, deren Mitglieder seit 1986 auch in der Umweltbibliothek der Zionsgemeinde im Bezirk Berlin-Mitte mitarbeiteten, die diese Zerstörung kritisch beobachteten. Aus der Umweltbibliothek ging im Frühjahr 1988 als Splittergruppe das Grün-Ökologische Netzwerk Arche hervor. Bis zu seinem Aufgehen in die Grüne Partei der DDR im Herbst 1989 entwickelte sich das Netzwerk Arche zu einer vitalen Oppositionsbewegung der DDR mit mutigen und intelligenten Aktionen. Sie gab die Zeitschrift Arche Nova unter dem Schutz der Kirche heraus und wurde in der ganzen DDR von Menschen gelesen, die für Umweltthemen sensibilisiert waren.

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Am 26. April 1986 wurde in einem sowjetischen Kernkraftwerk bei Tschernobyl in der jetztigen Ukraine durch ein fahrlässig durchgeführtes Experiment ein schwerer Reaktorunfall verursacht. Noch heute, nach fast 25 Jahren, gilt das umliegende Gebiet als dauerhaft verseucht. Die Stadt selbst wurde aufgegeben, insgesamt wurden 350 000 Menschen umgesiedelt. Unverantwortlich war die Informationspolitik in der Sowjetunion und der DDR. Sie versuchten die Katastrophe zu verschweigen bzw. klein zu reden und kamen zu spät sowie unzureichend ihrer Informationspflicht nach. DDR-Umweltgruppen protestierten Ende April 1986 gegen die Umwelt- und Informationspolitik der DDR mit dem öffentlichen Aufruf „Tschernobyl ist überall!“.

Am 5. Juni 1986 schrieben Gemeindemitglieder der Samaritergemeinde und ihr Pfarrer Rainer Eppelmann einen Brief an Erich Honecker und forderten ein Umdenken. Ausgehend von einem Zitat des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken und eine neue Politik erforderten, appellierten sie an die Regierung der DDR, ihre Einstellung zur Kernkraftnutzung grundsätzlich zu überdenken und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Unter anderem wurden folgende Punkte vorgeschlagen:

“Die Regierung der DDR unternimmt alle ihr möglichen Schritte, um in der internationalen Energiebehörde daraufhin zu wirken, dass die dortige Zusammenarbeit einschließlich der sofortigen und umfassenden und allgemeinen Informationspflicht bei Havarien deutlich verbessert wird.

Die Einrichtung eines obligatorischen Schulfaches mit dem Ziel, in ihm Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit, des Umweltschutzes und eines neuen verantwortlicheren Lebensstils zu vermitteln.

Nutzung aller Medien, der Zeitungen und Zeitschriften, der Literatur und Kunst, um vor den Risiken der Atomenergie zu warnen und die Bevölkerung auf den geplanten Ausstieg vorzubereiten.“

Hausbesetzungen in Ostberlin - Die Räumung der Mainzer Straße

Nach dem Fall der Mauer 1989 waren in Ostberlin für viele Häuser die Eigentumsverhältnisse ungeklärt. Ganze Straßenzüge standen leer, während in Westberlin Mangel an Wohnraum herrschte. Nachdem im Dezember 1989 die Bewohner des Hauses Schönhauser Allee 20 in Prenzlauer Berg durch Transparente ihre Besetzung öffentlich machten, kam es in der Folgezeit zu einer Vielzahl von Besetzungen, in den Innenstadtbezirken. Im Sommer 1990 gab es in Ostberlin über 100 solcher Hausprojekte. Nach Aufrufen von Ostberliner Hausbesetzern und in der autonomen Westberliner Zeitschrift Interim besetzten vor allem Westberliner Linksalternative während einer 1. Mai-Demonstration Häuser in der Mainzer Straße. Die zwischen 1987 und 1989 entmieteten Wohnungen sollten ursprünglich zugunsten von Neubauten abgerissen werden. Insgesamt wurden dort 12 Häuser, darunter 10 zusammenstehende besetzt. Volkspolizei und zuständige Behörden unternahmen nichts dagegen und die kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) sicherte zunächst sogar ein zeitweiliges Verbleiben zu und bot Interessenten weitere leerstehende Wohnungen an.

Die Besetzer begannen die Wohnungen instand zu setzen und lösten durch Herausreißen von Wänden und dem Einbau von Gemeinschaftsküchen traditionelle Wohnstrukturen auf. Um die Hausprojekte herum bildete sich bald eine rege kulturelle und politische Szene. Es gab verschiedene Kneipen, Spätverkaufsstellen, Veranstaltungs- und Bandproberäume, Kinos und sogenannte „Volxküchen“, in denen auch für die Nachbarschaft günstig warmes Essen abgegeben wurde. Allerdings stießen die Besetzer mit ihrem Lebensstil auch auf Missfallen der Anwohner, die sich über Unordnung und Lärmbelästigung beklagten. Besonders nachdem die Mainzer Straße und andere linke Hausprojekte in Friedrichshain wiederholt von Neonazi-Gruppen angegriffen wurde und sich die Besetzer massiv zur Wehr setzten, nahmen die Solidaritätsbekundungen ab. Es gründete sich eine „Bürgerinitiative Mainzer Straße“, die für die Räumung der besetzten Häuser eintrat.

Am 24. Juli wurde die „Berliner Linie“, die 1981 in Westberlin entwickelt worden war, auch auf den Ostteil der Stadt übertragen. Ab dem Stichtag des 24. Juli 1990 sollten neu besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden geräumt werden, den anderen Häusern hingegen Verträge angeboten werden. Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober erlangte der Westberliner Senat auch politische und polizeiliche Hoheit über Ostberlin. Der damalige Westberliner Polizeipräsident Georg Schertz forderte ein härteres Durchgreifen gegen Hausbesetzer.

Die Räumung von drei nach dem 24. Juli besetzten Häuser in Lichtenberg und in Prenzlauer Berg am Morgen des 12. November 1990 war Auslöser für die Räumung in der Mainzer Straße. Gegen Mittag schlossen sich ca. 50 Besetzer der Mainzer Straße spontan zu einer Demonstration für die geräumten Häuser auf der Frankfurter Allee zusammen und errichteten Barrikaden. Die Polizei ging massiv mit zeitweilig 1500 Einsatzkräften, Wasserwerfern und Tränengas gegen die etwa 500 bis 600 Besetzer vor. Weitere Barrikaden wurden errichtet, ein vor der Einfahrt zur Mainzer Straße stehen gebliebener Straßenbahnwagen entgleist. Nach Aussage des damaligen Koalitionspartners des rot-grünen Senats Alternative Liste (heute Bündnis 90/Die Grünen), versprach der Regierende Bürgermeister Walter Momper, die besetzten Häuser in der Mainzer Straße nicht ohne deren vorherige Zustimmung zu räumen. Dennoch wurden Polizeikräfte aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin geordert. Am Morgen des 14. November wurde das Gebiet der Mainzer Straße weiträumig abgeriegelt. Bemühungen von DDR-Basisgruppen wie das Neue Forum, aber auch von Bezirksbürgermeister Mendiburu, eine Verhandlungslösung zu finden, scheiterten. Eine Menschenkette von Bürgerrechtlern an der Einmündung der Mainzer zur Boxhagener Straße versuchte ein Vorrücken der Polizei zu verhindern und wurde von der anrückenden Polizei abgedrängt.

Mit Unterstützung von Wasserwerfern und Tränengas wurden die Barrikaden aufgebrochen, die besetzten Häuser umstellt und teilweise über Dächer in sie eingedrungen. Bei den Kämpfen wurden zahlreiche Menschen verletzt, 417 Personen festgenommen, darunter auch Abgeordnete. Am späten Nachmittag des 14. November startete eine spontane Demonstration zum Roten Rathaus mit über 10.000 Teilnehmern, die gegen die Räumung protestierten. Nach der Räumung wurden die Wohnungen der Besetzer ausgeräumt, die Straße gesperrt und auch in den folgenden Monaten von Polizei bewacht. Zwei Tage nach der Räumung kündigte die Alternative Liste aus Protest gegen die Räumung die rot-grüne Koalition mit der SPD.

Für die Hausbesetzerbewegung war die Räumung der Mainzer Straße, die bereits kurze Zeit danach vollständig saniert wurde, ein tiefer Einschnitt. Sie markiert den Beginn einer neuen, weniger konfrontativen Politik in Berlin. In den Folgejahren kam es zu weiteren Räumungen, aber auch zu verschiedenen Legalisierungsmodellen, durch die alternative Lebensmodelle weiter existieren konnten.

Literatur:

  • Berlin Mainzer Straße. Wohnenit wichtiger als das Gesetz. Berlin 1992.

Weitere Infos:

  • http://umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/141190mainzer_strasse.html

“Herr Keuner sagt nein” – mit dem Schwerpunkt auf Friedrichshain und Berlin Ost zum Widerstand von Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus

Eine Dauerausstellung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Berliner Osten

Heute, in einer Zeit, in der sich viele ihrer Freiheitsrechte gar nicht mehr richtig bewusst sind, in der Terroristen der NSU mordend durchs Land fahren und die NPD in Parlamenten sitzt, in der sich Antisemitismus wieder frech bemerkbar macht und sich Zuwanderer immer noch mit sozialer Ausgrenzung herumplagen müssen, sind es diese Beispiele, die uns motivieren, die Erinnerung wach zu halten und zur aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte ebenso wie mit der Gegenwart aufzurufen.

Inszenierung und Mißtrauen

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, inszenierten seine Anhänger einen pompösen Fackelzug durch Berlin und viele andere Festlichkeiten im gesamten Reichsgebiet. Eine andere Zeit schien angebrochen. Doch weder ganz Deutschland mochte mitfeiern, noch die gesamte Reichshauptstadt. Im Osten Berlins, in den dicht besiedelten Arbeitervierteln, misstraute die Bevölkerung offen dieser merkwürdigen „Arbeiterpartei“ und ihrem selbsternannten Erlöser Deutschlands. Bei den letzten freien Wahlen der Weimarer Republik im November 1932 hatte es die Nazipartei in Friedrichshain hinter KPD und SPD auf gerade 20 Prozent gebracht (Deutschland 33,1 Prozent). Noch bei der schon unter dem entfesselten Terror der SA stattfindenden Wahl vom März 1933 erreichte die NSDAP in Friedrichshain nur den zweiten Platz hinter der Rivalin KPD.

Doch zu diesem Zeitpunkt war mit dem Wahlzettel politisch längst nichts mehr auszurichten. Die Nazigegner im Berliner Osten und anderswo waren in die Illegalität gedrängt und brutalen Verfolgungen ausgesetzt, besonders seit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933. Viele Gruppen und Einzelpersonen gingen den Weg in die Illegalität im vollen Bewusstsein der damit verbundenen Gefahr. Andere wiederum, z.B. gläubige Christen, viele Juden oder auch unpolitische und konservative Menschen, sahen sich ungewollt in eine Entscheidungssituation gedrängt, die sie nicht gesucht hatten und der sie im Angesicht des Terrorregimes nicht ausweichen konnten.

Widerstand im Ost-Berliner Kiez

Die Ausstellung dokumentiert verschiedene Facetten des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, mit einem Schwerpunkt auf Friedrichshain und den Berliner Osten. Das Spektrum reicht vom Widerstand aus der Arbeiterbewegung und der Bekennenden Kirche bis zur jüdischen Gruppe um Herbert Baum und der „Roten Kapelle“, sowie von Pazifisten, Zeugen Jehovas und ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Rütli-Schule. Die Wahl der Mittel des Widerstandes reichte vom Verteilen von Flugblättern bis hin zu Brandanschlägen und zur Spionage für die Sowjetunion. Die Konsequenzen für die wenigen Mutigen, deren Handeln die Ausstellung dokumentiert, waren in den meisten Fällen ähnlich: Folter, lange Haftstrafen und Tod.