Rainer Küchenmeister und die Rote Kapelle

„Widerstand war bereits,

sich dem NS-System nicht unterzuordnen,

wie viele Deutsche es taten.“

 

Rainer Küchenmeister

 

Eines der interessantesten Schicksale eines jugendlichen Widerständlers gegen das NS-Regime aus Friedrichshain ist wohl das von Rainer Küchenmeister. Bereits in früher Jugend schließt er sich der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ an. Er wird 1942 verhaftet und kommt nach längerer Haft im Polizeigefängnis am Alexanderplatz in das Jugend-KZ Moringen. Nach dem 2. Weltkrieg wird er Kunstmaler und nach seinem Durchbruch 1964 auf der documenta III in Kassel, wird er 1969 Professor an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Karlsruhe und ordentliches Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

 

Kindheit und frühe Jugend

Rainer Küchenmeister wird am 14. Oktober 1926 als ältester von drei Söhnen in Ahlen/Westfalen geboren. Sein Vater Walter Küchenmeister (1897 – 1943) seit 1920 Mitglied der KPD, war im Ruhrgebiet Zeitungsredakteur und wurde 1926 wegen “unproletarischen Verhaltens“ aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er aus  finanzieller Not Geld aus der Parteikasse entwendet hatte. Als die Familie daraufhin nach Berlin ging, fand sie keine Wohnung und  musste in ein Obdachlosenquartier. Walter Küchenmeister arbeitet als Schriftsteller und Korrektor, so dass das Geld zusammenkam, um eine Neubauwohnung in Berlin-Johannisthal zu mieten.

Nach dem Reichstagsbrand in Februar 1933 wurde Walter Küchenmeister als Nazi-Gegner verhaftet und war einige Wochen in Gefängnishaft. Die Familie konnte ihre Wohnung nicht mehr halten und zog in ein Zimmer in der Palisadenstraße in Friedrichshain. Schließlich fand die Familie 1934 Unterkunft in einer Mietskaserne in der Koppenstrasse 65. Die Familie war arm, denn Küchenmeister hatte Berufsverbot und war ohne Einkommen. 1934 wurde er erneut verhaftet und war bis 1935 im Konzentrationslager Sonnenburg. Durch die Haft bedingt, erkrankte er an einer unheilbaren Tuberkulose, wodurch es für ihn noch schwieriger wurde, Arbeit zu finden.

1936 lernte er die Ärztin Elfriede Paul kennen, die wie er, im Widerstand tätig war und  sich um seine Gesundheit kümmerte. Sie versorgte ihn und er zog 1937 zu ihr nach Wilmersdorf in die Sächsische Straße. Walter Küchenmeister holte seine Söhne Rainer und Claus nach Wilmersdorf. Der mittlere Sohn Anselm blieb bei der Mutter in der Koppenstraße und die beiden anderen Brüder kamen oft dorthin, um ihre Mutter so oft wie möglich zu sehen. 1941 beginnt Rainer Küchenmeister eine Ausbildung als Dekorationsmaler.

Die „Rote Kapelle“

Die Wilmersdorfer Arztpraxis von Elfriede Paul, war auch ein wichtiger Treffpunkt der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Dieser Kreis war ein Netzwerk von ca. 150 Regimekritikern das bereits seit 1933 Widerstand durch Hilfen für Verfolgte, das Verbreiten von Flugschriften und Klebezetteln mit regimekritischen Inhalten, das Sammeln und Weitergeben von Informationen, auch an Auslandsvertreter, über deutsche Kriegsvorbereitungen sowie Verbrechen der Wehrmacht und NS-Verbrechen, die Kontaktaufnahme zu anderen Oppositionskreisen und ausländischen Zwangsarbeitern, das Aufrufen zu Gehorsamsverweigerung gegenüber NS-Vertretern und die Diskussion von Entwürfen für eine mögliche Nachkriegsordnung, leistete.

Den heute noch für dieses Widerstandsnetzwerk gebräuchlichen Namen „Rote Kapelle“ erhielt es durch eine Fremdzuschreibung durch die Gestapo. Weil Funker im Geheimdienstmilieu „Pianisten“ genannt wurden, bezeichnete die Gestapo die unbekannten Absender von Funksprüchen als „Rote Kapelle“. Durch einen sowjetischen Geheimdienstmann wurden Informationen über die Gruppe an den Kriegsfeind Sowjetunion gefunkt, weshalb die Gestapo in ihr eine sowjetische Spionageorganisation sah.

Durch Elfriede Paul und seinen Vater kam Rainer Küchenmeister schon sehr früh mit der Gruppe in Kontakt und war beit Treffen dabei, verteilte Flugblätter und schrieb mit seinem Bruder Anselm regimekritische Parolen an Häuserwände.

 

Am 16. September 1942, im Rahmen einer großen Verhaftungswelle gegen das Netzwerk, wird Rainer Küchemeister zusammen mit seinem Vater und Elfriede Paul verhaftet und von der Gestapo verhört. Obgleich erst 16 Jahre alt schweigt er auch unter dem Druck, dem ihn die Gestapo aussetzt.

 

Haft, KZ und Strafbataillon

„…Nur leben will ich, leben, leben. …“

Cato Bontjes van Beek in einem Kassiber an Rainer Küchenmeister

(Polizeigefängnis Alexanderplatz, Dezember 1942/Januar 1943)

 

Erste Station seines nun folgenden Leidensweges ist das Polizeigefängnis Alexanderplatz wo er in einer Einzelzelle inhaftiert ist.

. In der Zelle genau über ihm waren Frauen inhaftiert, die zur Ermutigung viele Lieder sangen. Es gelang ihm, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Es waren Frauen aus der „Roten Kapelle“. Ganz besonders entwickelte sich dabei die Freundschaft zu Cato Bontjes van Beek. Sie sprachen miteinander in den Nächten über die Etage hinweg. Die junge Frau machte dem Jungen Mut und sie schrieben sich über Kassiber Briefe. Zwischen den beiden entstand eine liebevolle Beziehung der Mitmenschlichkeit, die in ihrer Art einmalig genannt werden kann und die noch heute viele Menschen beeindruckt. Cato forderte den Jungen auf, sich nie aufzugeben und unbedingt seinem Wunsch entsprechend Maler zu werden. Es gelang dem Jungen nie, Cato zu sehen. Eine arrangierte Begegnung im Flur misslang. Ein Spiegel, den der Junge von einem Mitgefangenem erhielt, brachte auch keine Lösung. Rainer hat seine vielleicht erste große Liebe nie sehen können. Catos Briefe, die sie an den verzweifelten Jungen schrieb, um ihm Mut zu machen. sind besondere Dokumente. Sie selbst wurde zum Tode verurteilt und am 5. August 1943 hingerichtet. Sein Vater Walter Küchenmeister war bereits am 13. Mai hingerichtet worden.

Rainer kam vom Polizeigefängnis am Alexanderplatz in das berüchtigte Jugend-KZ in Moringen. Im März 1945 wurde er mit einem Strafbataillon an die Front geschickt und geriet in für kurze Zeit in sowjetische Gefangenschaft.

Sein weiterer Lebensweg

Mit 18 Jahren kehrte Rainer Küchenmeister aus dem Krieg zurück. Sein Vater war hingerichtet und seine Mutter bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Er fand Unterschlupf bei Elfriede Paul, die eine Zuchthausstrafe  verbüßt hatte und in Burgdorf bei Hannover wieder als Ärztin arbeitete. Rainer begann ein Studium an einer handwerklichen Kunstschule in Bielefeld. Als Elfriede Paul nach Ostberlin übersiedelte, ging er mit und studierte an der Kunsthochschule in Weißensee. Da er mit den reglementierten Verhältnissen in der entstehenden DDR nicht zu recht kam und an der Kunsthochschule relegiert worden war, ging er nach Westberlin und malte abstrakte Bilder, die in der DDR ohnehin nicht gefragt waren. Obwohl er sich schon in den 50er Jahren an Ausstellungen beteiligte, erfolgte sein Durchbruch erst 1963 auf der Kunstausstellung dokumenta III und seine Kunst fand zum ersten Mal international insbesondere in Frankreich Beachtung. Er wurde Professor an der Akademie der Künste in Karlsruhe und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Seine Figuren haben eine Besonderheit, sie tragen keine Gesichter. In wie weit seine Liebe zu der nie gesehenen Cato hier mitbestimmend war? -  Darüber kann nur spekuliert werden. Er verbrachte seinen Lebensabend in Frankreich und starb am 6. Mai 2010.

 

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