Die Umweltbewegung in der DDR/Tschernobyl

Nach offiziellen Darstellungen gab es bis 1989 keine gravierenden Umweltprobleme in der DDR. Doch weil die Zerstörung der Natur immer deutlicher wahrzunehmen war, ließen sich insbesondere jungen Menschen in den 1980er Jahren nicht mehr von der Informationspolitik des Staates irritieren. Luftverschmutzung in den Chemiebezirken und Großstädten, Baumsterben in den Gebirgsregionen, Wasserverunreinigungen und unkontrollierte Flächenverödung und Chemiemissbrauch in der landwirtschaftlichen Produktion sollten nicht mehr verschwiegen werden. Besonders groß war das Ausmaß der Zerstörung beim Uranbergbau und im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld durch die Chemiewerke sowie im Kohleabbau.

In Berlin-Friedrichshain waren es vor allem die kleinen Freundeskreise und kirchlichen Gruppen, deren Mitglieder seit 1986 auch in der Umweltbibliothek der Zionsgemeinde im Bezirk Berlin-Mitte mitarbeiteten, die diese Zerstörung kritisch beobachteten. Aus der Umweltbibliothek ging im Frühjahr 1988 als Splittergruppe das Grün-Ökologische Netzwerk Arche hervor. Bis zu seinem Aufgehen in die Grüne Partei der DDR im Herbst 1989 entwickelte sich das Netzwerk Arche zu einer vitalen Oppositionsbewegung der DDR mit mutigen und intelligenten Aktionen. Sie gab die Zeitschrift Arche Nova unter dem Schutz der Kirche heraus und wurde in der ganzen DDR von Menschen gelesen, die für Umweltthemen sensibilisiert waren.

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Am 26. April 1986 wurde in einem sowjetischen Kernkraftwerk bei Tschernobyl in der jetztigen Ukraine durch ein fahrlässig durchgeführtes Experiment ein schwerer Reaktorunfall verursacht. Noch heute, nach fast 25 Jahren, gilt das umliegende Gebiet als dauerhaft verseucht. Die Stadt selbst wurde aufgegeben, insgesamt wurden 350 000 Menschen umgesiedelt. Unverantwortlich war die Informationspolitik in der Sowjetunion und der DDR. Sie versuchten die Katastrophe zu verschweigen bzw. klein zu reden und kamen zu spät sowie unzureichend ihrer Informationspflicht nach. DDR-Umweltgruppen protestierten Ende April 1986 gegen die Umwelt- und Informationspolitik der DDR mit dem öffentlichen Aufruf „Tschernobyl ist überall!“.


Am 5. Juni 1986 schrieben Gemeindemitglieder der
Samaritergemeinde und ihr Pfarrer Rainer Eppelmann einen Brief an Erich Honecker und forderten ein Umdenken. Ausgehend von einem Zitat des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken und eine neue Politik erforderten, appellierten sie an die Regierung der DDR, ihre Einstellung zur Kernkraftnutzung grundsätzlich zu überdenken und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Unter anderem wurden folgende Punkte vorgeschlagen:


“Die Regierung der DDR unternimmt alle ihr möglichen Schritte, um in der internationalen Energiebehörde daraufhin zu wirken, dass die dortige Zusammenarbeit einschließlich der sofortigen und umfassenden und allgemeinen Informationspflicht bei Havarien deutlich verbessert wird.

Die Einrichtung eines obligatorischen Schulfaches mit dem Ziel, in ihm Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit, des Umweltschutzes und eines neuen verantwortlicheren Lebensstils zu vermitteln.

Nutzung aller Medien, der Zeitungen und Zeitschriften, der Literatur und Kunst, um vor den Risiken der Atomenergie zu warnen und die Bevölkerung auf den geplanten Ausstieg vorzubereiten.“

 

 

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