Der Prager Frühling

Seinen Namen erhielt der Prager Frühling von einem Prager Musikfestival, doch war damit der Aufbruch der tschechoslowakischen Gesellschaft aus einer Eiszeit stalinistischer Herrschaft gemeint. Am 5. April 1968 stellte die KPČ unter ihrem neuen Leiter Alexander Dubček ein Reformprogramm vor, das Wirtschaftsreformen einleitete, die Pressefreiheit garantierte und auch eine Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen vorsah. Kunst und Kultur begannen nach Abschaffung der Zensur aufzublühen, öffentlich wurden neue Sozialismusmodelle diskutiert.
Während Prag zu einem Mekka für Jugendliche aus ganz Europa wurde, fürchteten die Regierungen der anderen kommunistischen Staaten um ihre Macht und forderten von der tschechische Regierung, die Refor­men zu beenden.

In der Nacht zum 21. August marschierten die Truppen Ungarns, Polens, Bulgariens und vor allem der Sowjetu­nion in die ČSSR ein und beendeten die Reformen gewaltsam. Die Truppen der DDR-Armee NVA hielten sich in Bereitschaft. 98 Tschechen und Slowaken und 50 Soldaten der Interventionstruppen verloren ihr Leben.

In der DDR kam es aufgrund der Besetzung zu zahlreichen Protesten, wobei dem Ministerium für Staatssicherheit insgesamt 1189 Personen ins Netz gingen. Dreiviertel davon waren unter 30 Jahre alt. Einige von ihnen gründeten später in der Samariterstraße die Kommune 1 Ost.

Für viele Menschen fand mit der Unterdrückung des Prager Frühlings die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft mit menschlichem Ant­litz ein Ende.

Der damals siebzehnjährige, in Prag geborene Schriftsteller Jan Faktor erinnert sich an den Prager Frühling:

“Der Frühling 1968 war – Verliebtheiten und andere aufregende Dinge gab es gleichzeitig auch noch – wunderbar. Die Angstfreiheit bei den Diskussionen im Stadtzentrum, das Ende der Phrasen in den Medien, die Explosion der schöpferischen Kräfte in der Kultur war überall spürbar – in den Theatern, auf der Karlsbrücke oder bei Rockkonzerten. Das alles werde ich nie vergessen. (…)

Die Eindrücke aus diesen acht Monaten hielten mich dann noch sehr lange gefangen, so dass ich vielleicht erst zehn Jahre später rigoros und endgültig über das politische Experiment von damals urteilen konnte. Die Erinnerung an das Gefühl, was eine angstfreie, offene Gesellschaft sein kann, blieb in mir aber ganz wach.”

(Jan Faktor: Meine ganz privaten Ansichten zu Prag 1968, Horch und Guck, 2/07, S. 28-31, http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2004-2007/heft-58/05808/ )

Literatur: Dieter Segert: Prager Frühling. Gespräche über eine europäische Erfahrung, Bonn 2008

Weitere Infos: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2661

 

 

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