Aus der Kirche in die Öffentlichkeit – Die Friedensdekaden in der DDR

Seit Ende der 1970er Jahre standen sich die Machtblöcke in Ost und West in einem verstärkten Wettrüsten unversöhnlich gegenüber. Abrüstungsgespräche zwischen den politischen Vertretern der Blöcke wurden von den Menschen immer mehr als fruchtlos und unglaubwürdig wahrgenommen. Dagegen nahm die Bedrohung durch die zahlreichen Nuklearwaffen zu und die Zivilgesellschaften in Ost und West wurden immer stärker militarisiert. Um von der Basis aus für den Frieden einzutreten und verstärkt Abrüstungsbemühungen einzufordern, wurde von Jugendpfarrern und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Jugend in der DDR erstmalig 1980 gemeinsam mit der Kommission für kirchliche Jugendarbeit eine Friedensdekade durchgeführt. Der Impuls zur Einführung einer Friedenswoche kam von einer kirchlichen Studenten- und Jugendkonferenz 1978 in Budapest.

Der Gedanke war, die zehn Tage vor dem Buß- und Bettag in Ost und West der Friedensarbeit zu widmen und der Friedensbewegung damit eine stärkere öffentliche Wirkung zu verleihen. Unter einem gemeinsamen Thema wurde über die Schrecken des Krieges aufklärt, über den Frieden diskutiert, gesungen, gebetet und über Initiativen nachgedacht, die dem Frieden nützen könnten. Das waren Gedankenaustausche, die den Frieden auf besondere Weise erfahrbar machten. Zunächst nur für einmal geplant, bereiteten auch in den Folgejahren zahlreiche Kirchengemeinden in den letzten zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag Veranstaltungen vor, die für den Frieden sensibilisieren sollten. Die Friedensdekade wurde in der DDR und in der Bundesrepublik durchgeführt und verstand sich daher als blockübergreifende Friedensinitiative.

Die Friedensdekaden haben Christen und Nichtchristen in der DDR die Erfahrung vermittelt, dass die „Kraft der Schwachen“ auch eine befreiende und ermutigende Wirkung haben kann und dass die Ideen der Friedensbewegung über den kirchlichen Kontext hinaus getragen und populär gemacht werden können.

Schwerter zu Pflugscharen

Anlässlich der Friedensdekade im November 1981 versahen der brandenburgische Landesjugendpfarrer Manfred Domrös und der Babelsberger Pfarrer Stephan Flade das Deckblatt einer Materialmappe mit dem Bild der Plastik Schwerter zu Pflugscharen. Diese Plastik war ein Geschenk der UdSSR an die UNO und stand vor dem New Yorker Uno-Hauptgebäude. Sie ließen das Symbol auf Stoff drucken, um es als Lesezeichen zu verteilen. Zahllose Jugendliche in der DDR, unter anderem auch welche, die zur Jugendarbeit in den Friedrichshainer Gemeinden Pfingst, Auferstehung und Galiläa kamen, schnitten das Symbol aus und nähten es auf ihre Jacken als Zeichen eines eigenständigen Friedenswillens.

Erstmals gelang es der unabhängigen Friedensbewegung damit, landesweit aus den Räumen der Kirchen herauszutreten und ihre Ideen bei größeren Teilen der Bevölkerung populär zu machen.
Das Symbol etablierte sich zum Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, was die Staatsmacht dazu brachte, dagegen vorzugehen. Wer mit dem Aufnäher angetroffen wurde, musste ihn je nach Freundlichkeit der Polizisten entweder sofort abtrennen, die Jacke herausgeben oder ins Polizeirevier mitkommen, wo nicht selten weitere Schikanen drohten. Viele Jugendliche wurden wegen des Aufnähers von der Schule verwiesen oder von Lehre und Studium ausgeschlossen. Das MfS notierte am 1. August 1982 insgesamt 3.676 Personen mit diesem Aufnäher festgestellt zu haben. Laut einer Schätzung sollen ihn jedoch fast 100.000 Menschen getragen haben.

Literatur:

  • Anke Silomon: „Schwerter zu Pflugscharen“ und die DDR. Die Friedensarbeit der evangelischen Kirchen in der DDR im Rahmen der Friedensekaden 1980-1982. Göttingen 1999.

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