Berlin-Friedrichshain – Ein Zentrum beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Ilko-Sascha Kowalczuk

 

Berlin-Friedrichshain – Ein Zentrum beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953

 

Die Wurzeln des Volksaufstands vom Juni 1953 lagen im Sommer 1952, als die SED-Spitze den „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“ proklamierte. In der Folge kam es zu einem regelrechten Vernichtungskampf gegen Selbständige, private Unternehmen, freie Bauern, Kirchen und bürgerliche Mittelschichten. Zehntausende verschwanden unter fadenscheinigen Gründen in Zuchthäusern. Die SED forcierte den Kampf gegen die evangelischen „Jungen Gemeinden“ und erklärte sie zu „illegalen Organisationen“. Etwa zwei Millionen Menschen wurden die Lebensmittelkarten entzogen und mussten fortan in teureren HO-Läden einkaufen, wo ein Kilogramm Butter 20 Mark kostete. Das Durchschnittseinkommen betrug 308 Mark. Die Fluchtbewegung nahm rapide zu und erreichte in der ersten Hälfte des Jahres 1953 ein bislang nicht gekanntes Ausmaß.

Die sowjetische Führung bestellte Anfang Juni 1953 eine SED-Delegation nach Moskau und verordnete einen „Neuen Kurs“. Der Kampf gegen die Mittelschichten sollte eingestellt, die Kollektivierung der Landwirtschaft gestoppt, die freie Arbeit der Kirchen wieder garantiert, die politischen Justizurteile überprüft und die einseitige Wirtschaftspolitik revidiert werden. Vor allem die Arbeiter waren jedoch darüber erbost, dass die im Mai verkündete allgemeine Normenerhöhung – was eine reale Lohnsenkung bis zu 25 Prozent bedeutete – nicht zurückgenommen wurde.

Ganz in der Nähe der Galiläakirche, in der Stalinallee, seit 1961 Karl-Marx-Allee, und den angrenzenden Straßen befand sich eine der größten Baustellen der DDR. Hier entstanden Wohnhäuser, das Krankenhaus und andere öffentliche Gebäude. Die hier eingesetzten Tausenden Arbeiter zählten zwar zu den privilegierten Lohnempfängern, aber die geplanten Normenerhöhungen bedeuteten auch für sie erhebliche Lohneinbußen.

Am Freitag, den 12. Juni, fand auf einer Baustelle eine kurze Belegschaftsversammlung statt, auf der der Baustellenleiter eine Resolution vorstellte, in der sich die Bauarbeiter „freiwillig“ verpflichteten, die Normen um zehn Prozent zu erhöhen. Die Anwesenden protestierten heftig. Man kündigte an, am Montag, den 15. Juni, in den Streik zu treten. Am nächsten Tag standen bereits Dutzende Funktionäre auf der Baustelle herum und versprachen, sich für die Rücknahme des Normenbeschlusses einzusetzen. Doch die Löhne, die am 13. Juni ausgezahlt worden waren, richteten sich bereits nach den neuen Normen. Auf der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain blieben die Bauarbeiter am Morgen des 15. Juni in ihren Baubuden sitzen und nahmen auch am nächsten Morgen die Arbeit nicht auf. FDGB-Funktionäre erklärten den Arbeitern, dass die Normenerhöhung zwar falsch sei, aber nun nicht mehr zurückgenommen werden könne.

Bauarbeiter des Krankenhauses Friedrichshain gingen am 16. Juni zum unweit gelegenen Block 40, wo seit den frühen Morgenstunden ebenfalls heftig diskutiert wurde. Gegen 8:30 Uhr zogen die ersten 80 Bauarbeiter durch die Stalinallee, führten ein Transparent mit sich: „Wir Bauarbeiter fordern Normsenkung“ und forderten: „Heraus zur Demonstration, übt Solidarität.“ Eine gute Stunde später waren es bereits 2 000 Demonstranten.

Immer mehr Baustellen schlossen sich der Streikbewegung an, erste Industriebetriebe gesellten sich am frühen Nachmittag hinzu. Der Hauptzug der Bauarbeiter marschierte diszipliniert von der Stalinallee über den Strausberger Platz, Alexanderplatz, Rathausstraße, Marx-Engels-Platz, Unter den Linden, Friedrichstraße zum Haus der Ministerien in der Leipziger Straße, dem heutigen Sitz des Bundesfinanzministeriums, das direkt an der Sektorengrenze lag. Hier versammelten sich über 10 000 Arbeiter und Passanten. Ständig bildeten sich neue Demonstrationszüge an verschiedenen Stellen der Innenstadt. Dass mittlerweile die Normenerhöhung vom SED-Politbüro zurückgenommen worden war und die östlichen Rundfunksender diese Nachricht verbreiteten, interessierte zu diesem Zeitpunkt kaum noch jemanden, denn mittlerweile ging es um mehr: „Freie und geheime Wahlen!“

In den frühen Morgenstunden war der gesamte ostdeutsche Polizei- und Sicherheitsapparat in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Doch die Kommunikation war zum Teil unterbrochen und die Einsatzstäbe handelten nicht aufeinander abgestimmt. Gehandelt werden durfte ohnehin nur nach Rücksprache mit der sowjetischen Zentrale in Karlshorst. Die Polizeikräfte konnten kaum die eigenen Gebäude sichern. Die Staatsmacht war völlig unvorbereitet.

Auch die im Laufe des 17. Juni an allen Brennpunkten des Landes zum Einsatz gebrachten Einheiten der Kasernierten Volkspolizei waren überfordert und den Aufständischen unterlegen. Erst als die sowjetischen Truppen mittags oder nachmittags eingriffen, schlugen diese die Volkserhebung nieder. Ihnen fiel es leichter zu improvisieren, da sie ständig auf Einsätze und Kampfhandlungen vorbereitet waren.

Am 17. Juni  wurden ab 6:00 Uhr morgens fast sämtliche Baustellen und die meisten Großbetriebe in Ost-Berlin bestreikt. Aus allen Himmelsrichtungen marschierten Demonstrationszüge in die Ost-Berliner Innenstadt. Der Demonstrationszug aus dem Stadtbezirk Köpenick war allein über zehn Kilometer lang. Am Strausberger Platz standen bereits vor 7:00 Uhr über 10 000 Menschen, darunter Tausende Bauarbeiter von der Stalinallee. Erlebte Ost-Berlin am 16. Juni noch eine Arbeiter-, ja eine Bauarbeitererhebung, so begannen die Ereignisse am 17. Juni überall in der Innenstadt als Volksaufstand. Vor dem Brandenburger Tor wie in der Leipziger Straße vor dem Haus der Ministerien, auf dem Marx-Engels-Platz, wo später am Vormittag eine Kundgebung mit etwa 50 000 bis 60 000 Teilnehmern stattfand wie an der Oberbaumbrücke. Auf dem Alexanderplatz, in der Friedrichstraße und Unter den Linden demonstrierten gegen 11:00 Uhr protestierten etwa
150 000 Menschen. Vor dem Gefängnis in der Barnimstraße standen um 10:00 Uhr Demonstranten und verlangten die Freilassung der politischen Häftlinge. Sie skandierten, Hilde Benjamin, die Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR und Vorsitzende in einer Reihe von Schauprozessen, gehöre ins Gefängnis. Auch vor anderen Haftanstalten versammelten sich Demonstranten und verlangen die Freilassung von politischen Häftlingen.

Kurz nach 8:00 Uhr tauchten die ersten sowjetischen Mannschaftswagen auf, ab 11:30 Uhr Panzer. Insgesamt brachte die sowjetische Militärmacht in Ost-Berlin drei zusätzliche Divisionen mit 600 Panzern zum Einsatz. Der Krach, den die Panzerketten verursachten, erinnerte viele Berliner an den erst acht Jahre zurückliegenden Krieg.

Unter dem Eindruck einer noch am 17. Juni begonnenen großen Verhaftungswelle flaute am nächsten Tag die Streikbewegung ab. Es legten zwar am nächsten Tag in Dutzenden Betrieben und auf vielen Baustellen noch etwa 30 000 Arbeiter in Ost-Berlin ihre Arbeit nieder, aber die Spitze des Streiks war abgebrochen. Mindestens 25 Streikleitungen wurden verhaftet und zum Teil später verurteilt. Erst am 11. Juli hob die sowjetische Kommandantur den Ausnahmezustand für Ost-Berlin wieder auf.

Insgesamt kam es in diesen Tagen in über 700 Städten und Gemeinden der DDR zum Volksaufstand. In einigen Regionen hatten die Demonstranten für Stunden sogar die Macht inne. In vielen Orten gingen die politischen Aktionen viel weiter als in Ost-Berlin. Aber der Funke für die Volkserhebung, für die „gescheiterte Revolution“ ging von Ost-Berlin, genauer noch von den Baustellen in Berlin-Friedrichshain aus. Von Anfang an waren daran besonders viele junge Menschen beteiligt.

In Friedrichshain erinnert heute am Krankenhaus der Max-Fettling-Platz an den 17. Juni und jenen Gewerkschaftsfunktionär, der die Demonstranten beruhigen wollte, dennoch aber zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und bis 1957 eingesperrt blieb. Ein Denkmal befindet sich auch in der Karl-Marx-Allee auf Höhe des Rosengartens.

 

Literatur zum Weiterlesen: Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953 – Volksaufstand in der DDR. Ursachen – Abläufe – Folgen. Edition Temmen, Bremen 2003, 311 S. + Audio-CD (im Buchhandel 19,90 €, bei der BStU für 10 €)